Fünf Fragen an …

Brenda Alamilla (* 1987 in Mexiko-Stadt) ist eine transdisziplinär arbeitende bildende Künstlerin. Sie studierte an der HGB Leipzig bei Prof. Tina Bara und an der Neuen Schule für Fotografie in Berlin. In ihrer Arbeit, die Fotografie, Performance und Schreiben umfasst, untersucht sie Gewalt und deren Beziehung zu Machtstrukturen auf persönlichen und strukturellen Ebenen. Dabei bezieht sie sich auf dekoloniale und feministische Ansätze. Ihre Werke wurden unter anderem in Der Greif und Magnum Photos veröffentlicht und international ausgestellt, so etwa auf dem F/STOP Festival in Leipzig, mit der Zentrale für Kunst in Chemnitz, bei Errant Sound, im Haus Kunst Mitte, bei Spoiler und im ZK/U in Berlin, wo sie die Reihe Rehearsing Moves on Hazy Paths co-kuratierte.

Dein Hauptmedium ist Fotografie. Wie arbeitest du damit?

Alle meine Ideen und Konzepte verdichten sich darin, Bilder zu gestalten. Mit Fotografie kann ich Momente festhalten oder auch inszenieren. Ich arbeite viel mit Erinnerung und nutze Fotografie, um sie zu dekonstruieren und in einen neuen Kontext zu setzen. Dabei erweitere ich die Bildwelten auf unterschiedliche Weise.

Wie machst du das?

Ich beginne mit einem mentalen Bild, also mit einer Erinnerung. Oft sind es Momente, in denen ich mich besonders verletzlich gefühlt habe, wie Erfahrungen mit häuslicher Gewalt, Missbrauch, meiner Migration nach Deutschland, dem Muttersein oder im Umgang mit institutionellen und staatlichen Ungerechtigkeiten. Dabei achte ich darauf, wie diese mich als Frau oder aufgrund meiner Hautfarbe beeinflusst haben. So versuche ich, persönliche Erfahrungen in spezifische strukturelle Kontexte einzuordnen. Schritt für Schritt nimmt meine Suche eine Sprache an, die die Bilder verankert und die Bezüge verbindet. Daraus entstehen zeitbasierte Arbeiten, die sich in Medien wie Fotografie, Performance oder Video ausdrücken.

Welche Rolle spielt der Körper in deiner Arbeit?

Ich betrachte den Körper als eine politische Bühne, auf der wir unsere Erinnerungen archivieren. In meiner Kunst versuche ich, mein Archiv mit den Archiven anderer Menschen zu verbinden, und zu verstehen, wie Politik meinen Körper beeinflusst hat.

Wie meinst du das?

In meiner Performance „Das Schweigen zwischen uns“ geht es darum, wie mich strukturelle Machtverhältnisse darin beeinflussen, wie ich spreche, wie ich mich in der Stadt bewege, wie ich mich zu anderen Menschen verhalte. Es geht um Erfahrungen mit Gewalt, Rassismus und Diskriminierung, die mich geprägt haben, zum Beispiel wie es war, eine Frau in Mexiko zu sein, oder wie es ist, eine Frau of Color in Berlin zu sein.

Warum machst du bei Goldrausch mit?

Ich wollte mich mit anderen Künstlerinnen vernetzen, um Unterstützung und Erfahrungsaustausch mit Menschen zu finden, die ähnliche Herausforderungen beim Ausüben und Leben von ihrer künstlerischen Arbeit erleben, besonders in einem so überwältigenden Umfeld wie der Kunstszene.

Interview: Beate Scheder

Up Close – Goldrausch 2025

256 Seiten ISBN 978-3-941318-82-3

Grafik: Rimini Berlin

Up Close – Goldrausch 2025

Galerie im Körnerpark
Schierker Str. 8, 12051 Berlin

Eröffnung

Eröffnung: 17. Oktober 2025, 18–22 Uhr

Begrüßung und Einführung
Cansel Kiziltepe, Senatorin für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung
Janine Wolter, Bezirksstadträtin für Bildung, Kultur und Sport, Neukölln
Yolanda Kaddu-Mulindwa, Leiterin Kommunale Galerien Neukölln
Hannah Kruse, Leiterin des Goldrausch Künstlerinnenprojekts

DJ Set von Mia Duni

Text

Die Ausstellung präsentiert aktuelle Werke der fünfzehn in Berlin arbeitenden Bildenden Künstlerinnen: surreale Malereien und dokumentarische Fotografien, die unsere visuelle Wahrnehmung herausfordern, während multimediale Installationen Machtgefüge ausloten und Portale in andere Welten öffnen. In recherchebasierten Videoarbeiten sowie Zeichnungen wird Zeitlichkeit als Geste des Erinnerns erfahrbar. Den vielfältigen Motiven und Medien ist gemeinsam, dass sie nah herangehen, Up Close – nah an die eigene Biografie, an die gesellschaftlichen Verhältnisse und politischen Kämpfe.

Das Goldrausch Künstlerinnenprojekt fördert die öffentliche Anerkennung herausragender künstlerischer Positionen von Frauen respektive FLINTA. 2025 feiert das Projekt sein 35-jähriges Bestehen! Seit 1989 hat das Programm mehr als 500 Künstlerinnen begleitet und ein einzigartiges Netzwerk geschaffen, das Austausch, solidarische Professionalität und öffentliche Präsenz stärkt. Über die Jahre hinweg fanden die Abschlussausstellungen an unterschiedlichsten Orten statt – von kollektiv betriebenen Projekträumen bis zu öffentlichen Institutionen wie dem Gropius Bau.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, für den jede Künstlerin ein Kapitel konzipiert hat.
Die Gruppenausstellung ist eine Kooperation des Goldrausch Künstlerinnenprojekts mit dem Fachbereich Kultur des Bezirksamts Neukölln von Berlin.

Programm

Samstag, 18. Oktober 2025, 16 Uhr
Performance „Dive into the dark“
Konzept & Regie: muSa Michelle Mattiuzzi
Performerinnen: Brenda Alamilla, Yedam Ann, Paulette Penje, Sarah Reva Mohr, Sophia Tabatadze, Saša Tatić und Marie Zbikowska.

Donnerstag, 30. Oktober 2025, 18 Uhr
Ausstellungsrundgang mit den Kuratorinnen Mona Hermann & Yolanda Kaddu-Mulindwa

Samstag, 8. November 2025, 15 Uhr
Ausstellungsrundgang mit Hannah Kruse (Goldrausch Projektleiterin) und Yolanda Kaddu-Mulindwa (Ausstellungskuratorin & Galerieleiterin) im Gespräch mit ausstellenden Künstlerinnen: Brenda Alamilla, Sarah Reva Mohr, Paulette Penje, Sophia Tabatadze, Marie Zbikowska; auf Deutsch
17 Uhr: Performance von Paulette Penje

Samstag, 22. November 2025, 15 Uhr
Ausstellungsrundgang mit Maxi Wallenhorst (Autorin des Goldrausch-Katalogs) im Gespräch mit ausstellenden Künstlerinnen: Mara Kirchberg, muSa michelle mattiuzzi, Belén Resnikowski, Aura Roig, Saša Tatić, auf Englisch

Donnerstag, 4. Dezember 2025, 18 Uhr
Ausstellungsrundgang mit Klara Hülskamp (Autorin des Goldrausch-Katalogs) im Gespräch mit ausstellenden Künstlerinnen: Yedam Ann, Kodac Ko, Malin Kuht, Mio Okido, Victoria Sarangova; auf Deutsch

Donnerstag, 11. Dezember 2025, 18 Uhr
Blick ins Archiv: 35 Jahre Goldrausch Kataloge mit Hannah Kruse, Leiterin des Goldrausch Künstlerinnenprojekts, und Gästinnen Janine Sack (Verlegerin, Grafikdesignerin und Konzeptkünstlerin, Goldrausch 2004) und Andrea Scrima (Autorin und Künstlerin, Goldrausch 1995)

Samstag, 17. Januar 2026, 15 Uhr
Performance „The Lips the Teeth the Tip of the Tongue“ von Paulette Penje und Olga Hohmann

Donnerstag, 22. Januar 2026, 18 Uhr
Ausstellungsrundgang mit den Kuratorinnen Mona Hermann & Yolanda Kaddu-Mulindwa

Mittwoch, 25. Februar 2026, 18 Uhr
Finissage: Ausstellungsrundgang mit Yolanda Kaddu-Mulindwa & Hannah Kruse
Performance „One Horse Left (1931)“ von Victoria Sarangova

Ausstellungsbesuch

Laufzeit: 18. Oktober 2025 – 25. Februar 2026
Eröffnung: Freitag, 17. Oktober 2025, 18 bis 22 Uhr (öffentlich)
Öffnungszeiten: Täglich 10 – 20 Uhr (Schließtage: 24. + 25. Dezember, 31. Dezember + 1. Januar)
Eintritt frei

Team Galerie im Körnerpark
Galerieleiterin: Yolanda Kaddu-Mulindwa
Wissenschaftliche Volontärinnen: Charlotte Nies, Diana Nowak, Tatjana Rotfuß
Aufbau: Barnabás Sebessy & Zsolt Vásárhelyi

Goldrausch-Team
Projektleitung : Hannah Kruse
Lehrkoordination: Veronika Bartelt
Kursbegleitung & PR: Manon Frugier
Verwaltung & Finanzen: Antonia Zeljko, Sonja Altmeppen
Aufbau: Leopold Landrichter
Assistenz: Jasmin Anna Awale & Paula Steltenkamp
Presse: Barbara Green
Gestaltung: Rimini Berlin

taz logo - Medienpartner
Medienpartner
Foto: Ivo Faber

Fünf Fragen an …

Yedam Ann (* 1992 in Seoul) studierte Freie Kunst an der Kunstakademie Münster, wo sie 2023 als Meisterschülerin von Aernout Mik abschloss. Zuvor absolvierte sie ein Studium in TV & Film sowie in Geschichte an der Ewha Womans University in Seoul. In ihren installativen und dramaturgischen Arbeiten untersucht sie urbane Orte und Technologien. Einzelausstellungen zeigte sie unter anderem bei Post Territory Ujeongguk in Seoul und im Wewerka Pavillon in Münster. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im KIT – Kunst im Tunnel in Düsseldorf, auf dem Impakt Festival in Utrecht, bei der Ars Electronica in Linz und in der Galerie Nord | Kunstverein Tiergarten in Berlin präsentiert.

Was bedeutet Raum für dich und deine Kunst?

Ein Raum ist für mich nicht nur ein Ausstellungsort. Ich betrachte den Raum vielmehr als Material. Das Analysieren des Raums steht bei mir immer am Anfang. Abhängig von meinem Thema kann das ein privater oder ein öffentlicher Raum sein.

Wie findest du deine Themen?

Was mich sehr beschäftigt, ist die Stadt, die Metropole als Bühne, in der Menschen in ihrer Andersheit aufeinandertreffen, wo unterschiedliche Klassen sich begegnen, und Diskriminierung stattfindet. Diese sozialen Phänomene sind in meiner Arbeit oft mit Infrastrukturen oder administrativen Systemen verbunden. Ich interessiere mich sehr für Nicht-Orte im Stadtraum und nutze sie als visuelle Referenzen für meine Installationen.

Was meinst du mit Nicht-Orten?

Das ist ein Begriff, geprägt von dem französischen Philosophen Marc Augé. Nicht-Orte definiert er als Orte, die in einer großen Stadt oder anderswo existieren, ohne eine Identität zu besitzen. Unter Nicht-Orte fallen zum Beispiel eine Bushaltestelle, eine Hotellobby oder ein Flughafen – funktionale Räume, die man einfach passiert. In diesen scheinbar vollständig neutralisierten, auf das Funktionale reduzierten Umgebungen lassen sich feine, leicht verschobene Strukturen erkennen, die mein Interesse wecken.

Wie kann das aussehen?

Vor Kurzem habe ich eine Arbeit gezeigt, die „Hotel.hotel.net“ heißt. Sie verbindet zwei Orte, ein Überschallflugzeug und ein Drei-Sterne-Hotelzimmer. An der Wand vor dem Bett ist ein Fernseher installiert, auf dem ein 14-minütiges Video gezeigt wird, das den Inhalt der Bildschirme an den Sitzlehnen während eines Überschallflugs simuliert. Meine Installationen sind immer so gedacht, dass sie begehbar sind und man sich manchmal sogar hinsetzen kann.

Warum machst du bei Goldrausch mit?

Ich habe schon lange den Wunsch, mich mit anderen Künstlerinnen zu verbinden, um sich gegenseitig unterstützen zu können. 2025 ist für mich außerdem ein Jahr mit besonderer Bedeutung: Vor zehn Jahren bin ich nach Berlin gekommen und habe angefangen, Kunst zu machen.

Brenda Alamilla

Transformaciones de Silencios / Transformationen des Schweigens

Textbeitrag: Anne Huffschmid
Gestaltung: Björn Giesecke, Janis Gildein
16 Seiten, 17 Abbildungen

Yedam Ann

Schiefe Portale: Das Nichts bewohnen / Slanted Portals: Inhabiting the None

Textbeitrag: Barbara Buchmaier
Gestaltung: Dokho Shin
16 Seiten

Foto: Agnes Maagaard

Fünf Fragen an …

Mara Kirchberg (* 1994 in Frankfurt am Main) schafft raumgreifende Szenen durch Skulptur, Installationen und ortsspezifische Interventionen, die sich mit Begriffen wie Effizienz und Erschöpfung sowie deren Einfluss auf körperliche Systeme befassen. Kirchberg hat Contemporary Art an der Estonian Academy of Arts (EKA) in Tallinn sowie Choreografie und Performance am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen studiert. Ihre Arbeiten wurden in Deutschland sowie in nordisch-baltischen Staaten ausgestellt und vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Grand Prix des Nordic & Baltic Young Artist Award (NOBA), dem Young Sculptor Award der EKA und dem Eduard-Wiiralt-Stipendium des Estnischen Kulturministeriums.

Du hast performative Künste studiert. Welchen Einfluss hat das heute auf deine Skulpturen und Installationen?

Mein Zugang zu Skulptur und Installation ist geprägt von Choreografie und Performance. Ich denke oft in Szenarien, die eine bestimmte Dramaturgie im Raum erfordern. Viele meiner Arbeiten sind als Systeme angelegt, in denen Flüssigkeiten tropfen und zirkulieren. Dabei verzichte ich auf Motoren oder Pumpen zugunsten einer verlangsamten, manuellen Geste der Wartung.

Das klingt aufwändig. Kümmerst du dich selbst darum?

Die Wartung ist integraler Bestandteil meiner Praxis – eine konzeptuelle, spielerisch-fiktionale Weiterführung der „Maintenance Art“ nach Mierle Laderman Ukeles. Sie zeigt sich in Performances, Kostümen und Objekten, aktuell etwa in PVC-Sweat Suits, Wartungsprotokollen oder Performance Scores.

Welche Materialien benutzt du?

Ich kombiniere gebrauchtes Equipment aus Autowerkstätten und medizinischen Einrichtungen: Schläuche, Kanister, Hebegurte, Altöl. Dinge, die ihre Funktion verloren haben oder als Einzelteile dysfunktional sind. Oft verschmelze ich diese mit thermoplastischen Verfahren zu neuen, hybriden Systemen. Altöl wird mit Logiken von Ausbeutung und Ressourcenextraktion assoziiert. Neben der ökologischen Dimension stelle ich auch eine Verbindung zu jener her, die den Menschen betrifft.

Ähneln deine Arbeiten deshalb Verdauungssystemen?

Ein Ausgangspunkt ist oft das Innere des Körpers. Ich setze an, wo so ein System nicht mehr reibungslos läuft. Es geht mir nicht darum, Verletzlichkeit auszustellen, sondern sie als geteilte Erfahrung spürbar zu machen. Als Grundlage für Fürsorge und Verbundenheit. Für mich liegt in der Verletzlichkeit ein radikales Potenzial, sich dem Druck der Optimierung zu entziehen.

Wieso machst du bei Goldrausch mit?

Goldrausch sehe ich als Chance, mich stärker in der Berliner Szene zu vernetzen. Der Austausch mit anderen Künstler*innen ist eine wichtige Quelle von Inspiration und Unterstützung – gerade jetzt, wo viele institutionelle Strukturen wegfallen.

Interview: Beate Scheder

Mara Kirchberg

Care Mechanics

Textbeitrag: Maxi Wallenhorst
Gestaltung: Kert Viiart-Õllek
16 Seiten, 12 Abbildungen

Fünf Fragen an …

Kodac Ko (*1986 in Jeju, Südkorea) ist eine audiovisuell arbeitende Künstlerin. Sie studierte am Printmaking Department der Hongik University in Seoul, an der Hochschule für Bildende Künste Dresden und an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Sie beschäftigt sich mit verschiedenen Kommunikationsformen und zeigt dabei – auch auf Basis ihrer eigenen Migrationserfahrungen –, dass Sprache Distanz überwinden aber auch verstärken kann. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Fotomuseum Braunschweig, im Skulpturenmuseum Glaskasten Marl und im Jeju Museum of Contemporary Art (Südkorea) ausgestellt und auf dem 10. Cairo Video Festival und beim 41. Kasseler Dokfest gezeigt.

Wie hast du Video für dich entdeckt?

Ich finde es interessant, Ideen durch die Entwicklung einer Erzählung im Laufe der Zeit und durch die Inszenierung von Bildern umzusetzen. Durch die Kameralinse und den Bildschirm betrachte ich Phänomene, die der Realität entgegenstehen, und erforsche durch den Umgang mit Audio- und Bildelementen die Art und Weise, wie Menschen wahrnehmen.

Oft geht es dabei um das Thema Sprache. Warum?

Für mich ist Sprache ambivalent. Sie ist ein Kommunikationsmittel und sorgt gleichzeitig für eine harte Trennung zwischen Ausländern und Inländern. Diese Ambivalenz versuche ich anzusprechen und eine alternative gemeinsame Sprachebene zu finden.

Wie entwickelst du deine Themen?

Die Inhalte meiner Arbeit basieren auf verschiedenen persönlichen Eindrücken, die mit der Erfahrung einhergehen, in eine neue Kultur einzutauchen. Zu Beginn der Arbeit stelle ich Hypothesen auf. In der Forschungsphase ist es ein wichtiger Prozess, diese Hypothesen zu hinterfragen, sie zu widerlegen und neue Aspekte zu entdecken. Anschließend wandle ich diesen Prozess und meine Eindrücke in Bilder, Erzählungen, Texte und Töne um.

Welche Rolle spielt dein Körper in deiner Kunst?

Meine Erfahrungen sind verbunden mit meinem Körper und mit dem Raum, in dem ich mich befinde. Durch meinen Körper nehme ich die Außenwelt auf, erlebe sie, denke darüber nach und handle. In meiner künstlerischen Arbeit manifestiert sich dieser Prozess in Performances oder Videoarbeiten. Auch die Präsenz des Publikums ist mir wichtig, Erst in dem Moment, in dem die Arbeit erlebt wird, entsteht das, was ich eigentlich suche: eine Art Kommunikation oder Austausch.

Warum machst du bei Goldrausch mit?

Ich habe viel über Feminismus und dessen Weiterentwicklung nachgedacht. Da ich einen Sohn habe, beschäftigt mich die Frage, wie nachfolgende Generationen Gender neu denken können. Darüber wollte ich mich gerne mit anderen Künstlerinnen austauschen. Ich wünsche mir außerdem, Teil eines Netzwerks zu sein, in dem Künstlerinnen offen kommunizieren und sich gegenseitig unterstützen.

Interview: Beate Scheder

Kodac Ko

The Space between us

Textbeitrag: Klara Hülskamp
Gestaltung: Büro Bum Bum
16 Seiten

Foto: Fiona Koerner

Fünf Fragen an …

Malin Kuht (* 1994 in Augsburg) arbeitet als Videokünstler*in und Vermittler*in. Sie studierte Politikwissenschaft an der Universität Kassel und Pädagogik und Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel. Vor dem Hintergrund einer von digitalen Infrastrukturen geprägten Gegenwart kommt sie in ihren Arbeiten immer wieder auf die Anfänge von digitalen Kulturen und deren Vermächtnis zurück und sucht nach emanzipatorischen und queerfeministischen Zugängen zu Technologien. Malin Kuhts Arbeiten wurden unter anderem im Kunstraum Dock 20 in Lustenau (AT), beim Kurzfilm Festival Hamburg und beim Kasseler Dokfest gezeigt. Seit 2023 lehrt sie im Master Kunstvermittlung an der HFBK Hamburg und ist Gründungsmitglied des Vereins para-education.

Du beschäftigst dich mit den Anfängen digitaler Kulturen. Was willst du herausfinden?

Ich spüre eine große Abhängigkeit zu digitalen Geräten und Technologien, weiß aber, dass ich mich in einer Zwickmühle befinde: Ressourcen sind knapp, der Klimawandel ist real. Die ganz großen Probleme stecken in diesen Technologien und ich frage mich, wie ich damit arbeiten kann und wie damit gearbeitet wurde. Schon Ende der 1980er sind viele Grundsteine gelegt worden, sowohl ideologisch als auch kulturell. Außerdem gibt es viele Geschichten, die drohen, verloren zu gehen, gerade feministische und kollektive Erzählungen.

Zum Beispiel?

Sehr wichtig ist für mich der Cyberfeminismus, die Konfrontation zwischen Technologie und Feminismus. Die erste Cyberfeministische Internationale war in Kassel, wo ich lange gelebt und studiert habe, dennoch habe ich dort nur wenig Spuren davon gefunden. Sie hat im Rahmen der documenta X stattgefunden. Im documenta Archiv gab es vor 2022 dazu dennoch quasi nichts. Kein Foto, kein Dokument.

Woran liegt das?

Diese feministischen Geschichten wollten sich gar nicht erst in Institutionen einschreiben, denen sie nicht vertraut haben. Zeugnisse finden sich eher in den privaten Archiven von Beteiligten. Es gilt, diese Geschichten aus dem privaten Raum heraus in die Öffentlichkeit zu befördern.

Welche Form nehmen deine Arbeiten an?
Ich mag den Rhythmus, den zeitbasierte Medien haben. Aus meiner Recherche entstehen häufig Filme, eine meiner Arbeiten ist aber eine Webseite. Auch da folgt man einer bestimmten Erzählung, wie bei jedem Text. Allerdings kann man den Rhythmus beim Scrollen selbst bestimmen. Linearität interessiert mich formal, weil Sachen eigentlich nicht linear funktionieren. Ein Ereignis wird oft erst rückblickend als Schlüsselmoment erkannt oder eine Erzählung muss erst in einem Archiv wiedergefunden werden, um ihr Publikum zu finden. Damit spielen meine Arbeiten.

Warum machst du bei Goldrausch mit?

Ich nehme es als großes Geschenk wahr, dass ich mit so vielen Profis arbeiten darf und dabei ernst genommen werde. Es gibt dieses Sprichwort it takes a village – ich habe das Gefühl, dass es wirklich ein Dorf braucht, um sich behaupten zu können. Goldrausch bietet dafür einen Rahmen.

Interview: Beate Scheder

Foto: Michelle Schmollgruber

Fünf Fragen an …

muSa michelle mattiuzzi (* 1983 in São Paulo) ist Performerin, visuelle Künstlerin, Autorin und Filmemacherin mit Wohnsitz in Berlin. Sie versteht sich als Weltbürgerin und arbeitet mit einer breiten Spanne an Medien und Modalitäten – oftmals mit Körper und Stimme – in Auseinandersetzung mit Präsenz, Körperlichkeit und Kommunikation. Unausgesprochene Verträge, koloniale Gewalt, das Plantagensystem, offizielle Archive und intime Fiktionen sind einige der Elemente, die in ihre Arbeit eingehen. Ihre Arbeiten wurden bereits in diversen Gruppenausstellungen gezeigt, zuletzt im Tiroler Kunstpavillon in Innsbruck (2025), im KHI in Florenz – Max-Planck-Institut (2024/2026), im Brücke-Museum in Berlin (2021), auf der 34. Biennale von São Paulo (2021) und im HKW in Berlin (2018/2019).

Wie entstand die Idee für deinen „Abolition Garden“?
Die Idee entstand während der Covid-19-Pandemie, als ich meine Arbeit nicht wie geplant auf der Mercosul Biennale zeigen konnte. Ich verspürte das Bedürfnis, mich mit meinen Erinnerungen und der Geschichte meiner Vorfahr*innen zu verbinden. 2021 wurde ich vom Kurator Anselm Franke zur Residenz in der Villa Romana eingeladen, in Kooperation mit dem Kunsthistorischen Institut in Florenz. Der Zugang zu historischen Naturarchiven und die Erfahrung der florentinischen Region inspirierten das erste Kapitel des Projekts. Während der elfmonatigen Residenz begleitete ich die Jahreszeiten und schuf eine poetische Übersetzung meiner Erfahrungen, indem ich die Pflanzen meiner Großmutter Joaquina kultivierte – als Geste der Erinnerung und des Widerstands auf europäischem Boden.

Worauf bezieht sich der Titel?
Der Titel verweist auf die brasilianische Abolitionsbewegung. Die Kamelie, eine ursprünglich aus Japan stammende Pflanze, wurde im 19. Jahrhundert ein Symbol der Abolition, weil viele Abolitionist*innen sie als stilles Zeichen des Widerstands pflanzten. Besonders verbunden ist sie mit Dona Claudina de Queirós, die versklavte Menschen in einem Garten weißer Kamelien schützte. „Abolition Garden“ reaktiviert diese Geschichte und schafft einen sinnlichen Raum zur Reflexion über koloniale Erbschaften und neue Zukunftsvorstellungen.

In deinem Garten gibt es auch Skulpturen…
Ja, inspiriert vom Konzept „Plot“ der Denkerin Sylvia Wynter – Handlung, Erzählung, aber auch Boden. Ich sehe den Garten als symbolisches Ökosystem, in dem Skulpturen wie Spuren widerständiger Präsenz wirken. Sie sind poetische Gesten und Teil einer Geschichte, die nicht nur mit Worten erzählt wird.

Warum machst du bei Goldrausch mit?
Obwohl ich in Brasilien bereits etabliert war, waren die Bedingungen für meine künstlerische Arbeit dort prekär. Goldrausch bietet mir die Chance, meine Praxis in Berlin weiterzuentwickeln, neue Netzwerke zu knüpfen und meine Arbeit in einem anderen kulturellen Kontext zu verorten.

Interview: Beate Scheder

Malin Kuht

Pinching Gesture

Textbeitrag: Anne Zühlke
Gestaltung: Studio Laurens Maria Bauer
16 Seiten

Fünf Fragen an …

Welche Erinnerungen nehmen wir mit in die Zukunft? Und welche Geschichten verblassen in der Stille? Sarah Reva Mohr (* 1987) ist eine multidisziplinär arbeitende Künstlerin, deren Praxis Film, Installation und das Schreiben umfasst. Sie erforscht Machtdynamiken, die von bestimmten Gruppen und Räumen ausgehen. Mit Bewegtbild und Skulpturen fragt sie nach den Faktoren, die unsere Blicke und Emotionen prägen. Unter ihren bisherigen Ausstellungsorten waren Synnika (Frankfurt/M.), die Fabbrica del Vapore (Mailand), Mountains (Berlin), Space One (Seoul), der NoDepressionRoom (München), das Museum Angewandte Kunst (Frankfurt/M., mit Open Creek Hotel), Basis e. V. (Frankfurt/M.) und das Klingspor Museum (Offenbach/M.).

Woran arbeitest du gerade?

Ich arbeite an einer Drei-Kanal-Videoinstallation, in der ich mich mit einem Zoo beschäftige, den ich 2024 in Barcelona besucht habe. Ich habe ihn mehrere Tage lang mit der Kamera durchstreift und die Infrastruktur, die Architektur, die Wege, die vielen Barrieren gefilmt. Dieser Zoo ist eher ein Stellvertreter für andere Zoologische Gärten, die ähnlich aussehen und denselben Prinzipien folgen. Interessanterweise lebte dort der bisher einzige Albino-Gorilla. Ich fand das sehr treffend für den an solchen Orten vorherrschenden Geist, der sehr am Weißsein orientiert ist.

Welche Rolle spielt der Gorilla bei dir?

Er kehrt auf einer fiktiven narrativen Ebene zurück und geht mit uns als Geist durch den Zoo. Wir schauen uns die Infrastruktur dieses Ortes an: bauliche und visuelle Elemente, in denen Machtdynamiken implementiert sind.

Woran erkennt man diese?

Durch die Wegeführung, die Art und Weise, wie Blicke gelenkt werden, und den Versuch, Barrieren unsichtbar zu machen, obwohl sie noch da sind. Dabei stellt sich die Frage, ob das alles für Tiere gebaut ist oder mehr für die Betrachtenden. Ich habe zuvor bereits zwei Videoarbeiten gemacht, in denen Zoos als Schauplatz vorkommen, aber anderes im Fokus steht, wie zum Beispiel eine fiktive Mars-Expedition oder Care-Arbeit.

Wie entwickelst du deine Arbeiten?

Bevor ich zur Kunst gekommen bin, habe ich Innenarchitektur studiert. Nach wie vor habe ich ein starkes räumliches Interesse. Daneben sind meine eigene Schreibpraxis und Recherche wichtig für meinen Prozess. Daraus entsteht im Zusammenspiel das Thema. Was die Form angeht, liebe ich Bewegtbild über alles, aber für manche Auseinandersetzungen braucht es physisches Material. Dann entstehen meine skulpturalen Arbeiten.

Warum machst du bei Goldrausch mit?

Ich schätze es sehr, in einem konstanten und regelmäßigen Austausch mit anderen Künstlerinnen zu sein. Daran wächst man unglaublich, das hatte ich sehr lange nicht.

Interview: Beate Scheder

muSa michelle mattiuzzi

Abolition Garden: Chapter V – Intuition Frees Imagination

Textbeitrag: muSa michelle matiuzzi und Denise Ferreira da Silva
Gestaltung: Nora Cristea–preggnant agency, Berlin
16 Seiten

Fünf Fragen an …

Mio Okido (* 1986 in Niigata, Japan) beschäftigt sich mit kollektiver Erinnerungskultur im globalen Kontext. Sie studierte an der Tokyo University of the Arts (B.A.), verbrachte ein Auslandsjahr an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und setzte ihr Studium an der Weißensee Kunsthochschule Berlin (Diplom) sowie am Institut für Kunst im Kontext der Universität der Künste Berlin (M.A.) fort. 2023 war sie Stipendiatin am Berliner Museum für Asiatische Kunst, wo sie den imperialen Kontext der japanischen Sammlung erforschte. Dies mündete 2024 in eine Einzelausstellung. Im selben Jahr zeigte sie ihre Arbeiten zur Migrationsgeschichte in der DDR in der Gruppenausstellung ÜberGrenzen im Humboldt Forum in Berlin.

Du arbeitest viel mit historischen Archivfotos. Wie kam es dazu?

Als ich im Institut für Kunst im Kontext an der Universität der Künste studiert habe, hatte ich einige Seminare zu Erinnerungskultur. Eine Dozentin hat das Thema immer mit Archivbildern erklärt. Das hat mich fasziniert, denn um Geschichte zu erzählen, braucht man Material, das visuell wahrnehmbar ist.

Wo findest du die Bilder?

Meist im Internet, weil dort alles zugänglich ist und weil das Internet heute unser Verständnis von Vergangenheit dominiert. Der Zufall hilft mir dabei. Wenn ich in Texten interessante Bilder entdecke, google ich sie und entwickle so nach und nach meine Arbeiten.

Mit welchen Erinnerungskulturen beschäftigst du dich?

Einerseits interessiert mich die Geschichte der Modernisierung Asiens. Dabei bin ich stark geprägt von meinem Großvater. Er war Soldat des japanischen Kaiserreichs. Andererseits recherchiere ich zur Erinnerungskultur der DDR. Ich habe ein Auslandssemester in Halle an der Saale verbracht, später in Weißensee studiert. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich eher ein negatives Bild der DDR, weil mein Heimatland Japan stark vom Westen geprägt ist. Andere Geschichten ehemaliger DDR-Bürger*innen habe ich erst vor Ort kennengelernt.

Wie verarbeitest du die Bilder?

Historische Archivbilder übernehmen heute eine identitätsstiftende Rolle wie Ikonen oder religiöse Bilder, die bestimmte Narrative visuell vermitteln. Die Bilder, mit denen ich arbeite, zeigen häufig Gewalt in Kriegen und Konflikten. Zudem nutze ich feine handwerkliche Techniken und künstlerisches Material wie Perlen oder Seide, um den Kontrast zwischen Schönheit und Gewalt sowie die der Menschheit innewohnenden Widersprüche auszudrücken.

Warum machst du bei Goldrausch mit? 

Dafür gibt es drei Gründe. Erstens ist Goldrausch auch Teil der Geschichte der Berliner Kunstszene – das finde ich sehr spannend. Zweitens interessiere ich mich sehr für die anderen Teilnehmerinnen und dafür, wie sie sich mit ihrer Kunst auseinandersetzen. Drittens gibt es viele praktische Aufgaben , wie die Kommunikation und Koordination, die nicht direkt mit dem Kunstmachen zusammenhängen. Auch dafür ist es gut, bei Goldrausch zu sein.

Interview: Beate Scheder

Sarah Reva Mohr

sensational view, tired screams

Textbeitrag: Dr. Marianna Szczygielska
Gestaltung: Kathrin Baumgartner
16 Seiten

Foto: Alena Schmick

Fünf Fragen an …

Paulette Penje (* 1984 in Berlin) studierte Bildhauerei/Public Art an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken und nahm am MFA Fine Arts program der School of Visual Arts in New York teil. Nach dem Studium war sie Stipendiatin an der Akademie der Künste in Berlin. Als Performancekünstlerin beschäftigt sie sich mit raumbezogener Experimentalkunst. Sie hat Arbeiten für den öffentlichen Raum sowie für Institutionen entwickelt, so etwa für den Mayer Pavillon in Berlin, DIEresidenz in Die (FR), das Saarlandmuseum – Moderne Galerie, für Weltkulturerbe Völklinger Hütte, BETON Berlin, die Stadtgalerie Saarbrücken und das Random Institute in Zürich. Sie ist Preisträgerin des X-treme Women Art Prize Berlin. 2025 ist sie für den Kunstpreis Robert Schuman nominiert.

Für deine Performances machst du den öffentlichen Raum zu deiner Bühne. Was reizt dich daran?

Im öffentlichen Raum trifft man auf ein zufälliges, unterschiedliches Publikum. Es entsteht keine typische Publikumssituation, in der alle dastehen und zugucken – die Menschen sind viel freier in ihrem Verhalten.

Du nennst deine Arbeit eine Übertreibung des Daseins. Wie meinst du das?

Was ich mache, sind recht alltägliche Handlungen, die ich aber auf die Spitze treibe. Ich nehme zum Beispiel normale Wege, beschreite sie aber nicht, sondern rolle mich über den Boden.

Wie wählst du die Orte für deine Performances aus?

Das ist sehr unterschiedlich. Als ich vom Projektraum BETON Berlin eingeladen wurde, wurden mir Vorschläge von Orten gemacht. Während Covid, als alle Aufführungsorte geschlossen waren, habe ich eine Serie von Performances im U-Bahnhof gemacht. Diese Arbeit ist spontan entstanden, auf dem Weg zum Alice-Salomon-Platz, den ich damals für eine weitere Performance jeden Tag abgelaufen bin. Das Video „U-Bahncameradance“ entstand dann als Möglichkeit, diese flüchtigen Performances zu dokumentieren – indem ich mich selbst vom Bildschirm der Überwachungskamera in der U-Bahn-Station filmte.

Bist du schon einmal in gefährliche Situationen geraten?

Wenn ich mich im öffentlichen Raum über eine Brücke rolle, über die auch Roller und Fahrräder fahren, könnte das schon gefährlich werden. Es ist aber noch nie etwas passiert. Im U-Bahnhof hat es sich manchmal etwas gefährlich angefühlt. Dort bin ich aber unter vielen Leuten und es gibt eine Kameraüberwachung. Bei „U-Bahncameradance“ war es schön, dass ich meine täglichen Launen mitgenommen habe. Es gab Tage, an denen ich viel Lust hatte, an anderen musste ich mich mehr überwinden. Das spiegelt sich in dem wider, was ich tue.

Warum machst du bei Goldrausch mit?

Schon seit Studienzeiten wollte ich unbedingt bei Goldrausch mitmachen. Es ist eine Chance auf ein diverses Netzwerk und mehr Sichtbarkeit. Die Teilnahme ist ein absolutes Privileg, gerade in der Post-Corona-Zeit und angesichts der Kürzungen im Kulturbereich.

Interview: Beate Scheder

Mio Okido

sprach │ los

Textbeitrag: Judith Prokasky
Gestaltung: Carsten Eisfeld
16 Seiten, 9 Abbildungen

Foto: Alvaro Gumucio

Fünf Fragen an …

Belén Resnikowski (* 1989 in Bolivien) studierte von 2017 bis 2023 Bildende Kunst an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. Internationale Anerkennung erhielt sie unter anderem beim non-syntax Experimental Image Festival 2021 in Tokio (Calm & Punk Gallery) und auf der Every Woman Biennial 2024 in New York (LaMama Galleria). Sie zeigte ihre Arbeiten in Ausstellungen europaweit und wurde mit einem Stipendium des Cusanuswerks und mit dem Mart Stam Preis ausgezeichnet. In ihrer multimedialen Praxis erforscht sie Erinnerung, Migration und Identität. Sie schafft poetische Räume des Dazwischen, in denen persönliche und kollektive Ebenen sichtbar werden.

In einer deiner letzten Videoarbeiten „Awicha“ geht es um Familiengeschichte und Erinnerungen, um Leben, Tod, Verlust und Abschied. Wie bist du bei der Konzeption vorgegangen?

Ich arbeite oft sehr intuitiv. Ich wusste von Beginn an, dass ich für den Film auf 8 mm arbeiten wollte, auch der Ort stand fest, aber das Thema entstand erst später. Ich wollte in mein Heimatland Bolivien reisen und mich selbst neu entdecken, denn ich hatte meine Familie fünf Jahre lang nicht mehr besucht. Das Video ist eine Sammlung all der Erinnerungen, Träume und Gespräche, die ich dort hatte. Das genaue Konzept für den Film entstand erst mit der Montage. Mein neues Projekt ist im Gegensatz dazu von Anfang an konzeptioneller.

Worum wird es gehen?

Es wird um meinen Urgroßvater gehen, wieder um Erinnerungen, meine Familiengeschichte und um Migration. Die Arbeit ist eine Art Dekonstruktion der heroischen Figur meines Urgroßvaters aus weiblicher Perspektive.

Wie wichtig ist deine Biografie für deine Arbeit?

Sehr wichtig. Am Anfang habe ich zu Themen gearbeitet, die mich einfach interessieren, wie Feminismus und Weiblichkeit. Dann erlebte ich den Tod meines besten Freundes. Das hat mich wirklich erschüttert und dazu gebracht, viel über den Tod und über die Menschen, die mir nahestehen, nachzudenken. Ich will Kunst machen, die authentisch und ehrlich ist. Wenn mich etwas berührt, dann bedeutet das, dass es auch für andere eine Tiefe haben kann.

Was willst du mit deiner Kunst erreichen?

Kunst bringt mich dazu, etwas zu fühlen, über etwas nachzudenken, vielleicht eine andere Sichtweise zu entwickeln. Das ist es, was ich auch bei meinem Publikum auslösen möchte.

Warum machst du bei Goldrausch mit?

Ich habe mich für das Programm interessiert, weil es sich an Frauen und queere Menschen richtet. Es fühlt sich so gut an, in einer solchen Gruppe Erfahrungen zu teilen. Außerdem will ich meine Karriere auf eine professionellere Art und Weise vorantreiben.

Interview: Beate Scheder

Paulette Penje

Kein Raum ohne Konflikt

Textbeitrag: Olga Hohmann
Gestaltung: Büro Bum Bum, Berlin
16 Seiten, 21 Abbildungen

Foto: Moritz Haase

Fünf Fragen an …

Aura Roig (* 1994 in Tortosa, Spanien) hat Fine Arts an der Universitat de Barcelona studiert. Im Medium Malerei verbindet Aura Roig Humor, Kampfgeist und persönliche Erfahrungen zu einer Art von magischem Realismus, in dem Körper mit Objekten und Gemüse verschmelzen, um Themen wie Fürsorge, Geschlecht und traditionelle Familienrollen zu erforschen. Roig nahm zuletzt an Ausstellungen in der StadtWERKSTATT Friedrichshain-Kreuzberg in Berlin (Fight or Flight II, 2025), im Mèdol Centre d’Arts Contemporànies de Tarragona, im Centre de Lectura de Reus, im 101 Projectspace in Berlin (alle 2024), im Lo Pati Centre d’Art in Amposta, in der Culterim Gallery in Berlin (2023) und im Museu de Tortosa (2022) teil.

Wie findest du die Motive für deine Bilder?

Wenn ich zeichne, setze ich mir kein Thema. Ich lasse mich von meiner Intuition leiten. Meistens beschäftigt mich etwas, das mir Sorgen oder Unbehagen bereitet. Dann benutze ich Tiere, Gemüse oder andere Dinge, die intuitiv in meinem Notizbuch auftauchen, als Metaphern. Für mich sind sie hilfreich, um über bestimmte Themen sprechen zu können.

Worüber zum Beispiel?

Ich denke viel an meine Großmutter und daran, wie sie ihre vier Söhne allein großgezogen hat, während ihr Mann, ein typischer patriarchaler Mann, nicht einmal wusste, wie man ein Ei brät. Wenn ich dann an Eier denke, denke ich daran, wie sie all das geleistet hat, zusätzlich zu ihrer Arbeit als Verkäuferin.

In deinen Arbeiten gibt es viele groteske Körperdarstellungen. Woher kommt das?

Ich glaube, das ist eine Reaktion auf das Unbehagen, in dieser patriarchalen, binären Gesellschaft zu leben und einfach nicht hineinzupassen. Auf das Unbehagen darüber, wie unsere Körper in den Medien behandelt werden, was uns beigebracht wird, wie unsere Körper sein sollten, auch wenn sie es gar nicht sind.

Deine Bilder haben mich an den Surrealismus erinnert. Würdest du dich in dieser Tradition sehen?

Surrealismus geht von Träumen aus, um zu zeigen, was in der realen Welt nicht existiert. Ich versuche hingegen, über etwas sehr Reales zu sprechen. Diese Metaphern benutze ich, weil sie es noch offensichtlicher machen. Sie kommen im Alltag vor, entstammen keiner Traumwelt. Auch historisch betrachtet habe ich Probleme mit dem Surrealismus, weil viele der bekannten Künstler sehr sexistisch waren, Frauen auf eine schreckliche Weise dargestellt und behandelt haben. Passender für mich finde ich den magischen Realismus, der Magie benutzt, um eine bestimmte Facette der Realität zu zeigen.

Warum machst du bei Goldrausch mit?

Ich bin neu in Deutschland und dachte, das wäre sehr hilfreich für mich. Es ist sehr schön, von einer tollen Gruppe FLINTA*-Personen umgeben zu sein.

Interview: Beate Scheder

Aura Roig

Sweat, eggs, and onions

Textbeitrag: Marc Navarro
Gestaltung: Louise Borinski
16 Seiten, 24 Abbildungen

Foto: Maximilian Schweizer

Fünf Fragen an …

Victoria Sarangova (* 1985 in Kalmykien, einer Republik im Südwesten Russlands) arbeitet mit Sound, Video, Text und Handstickerei. Ihre oft ortsspezifischen Installationen erkunden Fortschritt, Erinnerung und Identität – verwurzelt in ihrer Heimat und genährt vom Familienarchiv sowie persönlicher Geschichte. Sie studierte Performance: Design and Practice am Central Saint Martins College in London (B.A. 2014) und schloss 2020 den Masterstudiengang Art in Context an der Universität der Künste Berlin ab. Ihre Arbeiten wurden unter anderem beim CTM Festival 2024, im Ringtheater und im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien in Berlin sowie bei Sound/Image 2023 in London präsentiert. Sarangova ist Mitbegründerin des MU collective, einer Gruppe von Künstler:innen aus Kalmykien.

Du bist in der südrussischen Teilrepublik Kalmykien aufgewachsen. Wie prägt das deine künstlerische Praxis?

Ich bin in Kalmykien geboren und in den 1990er Jahren dort aufgewachsen. Aus dieser Erfahrung heraus schaue ich auf meine Umgebung und die Art, wie sich Realitäten und Narrative seitdem verändert haben. Das prägt meine Praxis sehr, besonders auf einer unmittelbaren, körperlichen Ebene, unabhängig davon, welches Medium ich nutze – ob Sound, Textil oder Video.

Wie äußert sich das in deiner Kunst?

Meine Kunst ist performativ und prozessorientiert. Zuletzt habe ich mich mit den ethnologischen Völkerschauen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts beschäftigt und dazu eine Lecture Performance entwickelt. Mein Prozess ist eher intuitiv. Ich wollte nicht nur Theorie verarbeiten, sondern habe auch die Online-Diaspora nach ihren Gedanken zu diesen Bildern und Fakten befragt. So konnte ich mich intensiver mit dem Material auseinanderzusetzen und es, über Kunst- und Wissenschaftskreise hinaus, für andere Stimmen öffnen.

Auch Stickerei ist Bestandteil deiner Praxis…

Die Handstickerei begleitet mich als Werkzeug und Geste schon lange. 2014 habe ich mit der ersten Serie, „Motherland“, begonnen. Damals war das Sticken im Kunstbetrieb noch stärker als „weibliches“ Medium umstritten. Für mich steckt darin aber ein subversives Potenzial, ich begreife Stickerei als feministische Praxis.

Macht es für dich einen Unterschied, wo du deine Arbeiten zeigst?

2021 hatte ich mit meinem Kollektiv erstmals eine Ausstellung in Kalmykien. Das Feedback dort war ganz anders als in Europa. Seit 2023 findet unser Austausch digital statt, was neue Hürden, aber auch Chancen bietet. Mit der Diaspora arbeite ich in Berlin und online, stets mit Fokus auf Möglichkeiten statt Begrenzungen.

Warum machst du bei Goldrausch mit?

Sieben Jahre lang arbeitete ich vor Goldrausch aus Visa- und finanziellen Gründen als Erzieherin. Diese Zeit brachte Fürsorge- und Gemeinschaftserfahrungen, doch auch eine Distanz zur Kunstwelt mit sich. Ich habe meinen Job vorerst gekündigt, um meiner Praxis mehr Raum zu geben und meine Position intensiver zu reflektieren. Mit Goldrausch nehme ich meinen Platz in der Kunstwelt nun bewusst wieder ein.

Interview: Beate Scheder

Belén Resnikowski

Posnansky Ausgraben

Textbeitrag: Anne Ebert
Design: Noé Borst
16 Seiten, 13 Abbildungen

Foto: Ana Tabatadze

Fünf Fragen an …

Sophia Tabatadze (* 1977 in Tbilisi, Georgien) erwarb 2002 ihr Diplom an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam. 2018 besuchte sie das Kuratorenstudium CuratorLab an der Konstfack in Stockholm. Die Vermischung von imaginärer und realer Welt und die Ungewissheit, wie ihre Zeichnungen dazu ausfallen werden, ist der Prozess, den Tabatadze bei ihrer künstlerischen Arbeit am meisten genießt. 2007 vertrat sie Georgien auf der Biennale von Venedig, im selben Jahr war sie Teilnehmerin der Istanbul Biennale. Tabatadze hat auch an internationalen Museumsausstellungen teilgenommen, so etwa im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen, im Tartu Kunstimuuseum, im Musée des Beaux-Arts de Nantes, im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam und im Tbilisi History Museum.

Wie kamst du zum Zeichnen?

Ich weiß gar nicht, wie das angefangen hat. Als Teenager denkt man nicht viel darüber nach, was man tut. Aber ich habe schon früh gemerkt, dass die Zeit anders vergeht, wenn ich zeichne, sie verschwand förmlich. An der Kunsthochschule war Zeichnen mein Medium. Ich habe sogar mit Zeichnungen meinen Abschluss gemacht. Irgendwann hatte ich aber das Gefühl – vielleicht weil ich aus Georgien komme –, dass ich politischer werden und mich mehr in Worten ausdrücken sollte. So fing ich an, Installationen und Performances zu machen.

Jetzt bist du zurück bei der Zeichnung. Was ist der besondere Reiz daran?

Ich werde vom Prozess wirklich mitgerissen. Meistens habe ich keine Ahnung, wie das Ergebnis am Ende aussehen wird. Diese Ungewissheit ist sowohl beängstigend als auch faszinierend.

Was zeichnest du?

Manchmal habe ich Themen oder bestimmte Elemente, die wiederkehren. Wenn ich tief in den Prozess eintauche, spielt das aber gar keine Rolle. Als ich im Januar 2024 wieder mit dem Zeichnen begonnen habe, brauchte ich eine Methode, um wieder hineinzufinden. Eine Freundin von mir machte zu der Zeit ein Projekt, bei dem sie jeden Tag eine Zeichnung anfertigte. Ich habe das für mich übernommen, weil ich eine gewisse Disziplin gebraucht habe, um mich wieder einzugewöhnen und auch, um mich dabei nicht zu ernst zu nehmen.

Stehen die Zeichnungen für sich allein oder sind sie miteinander verbunden?

Sie stehen für sich allein. Einige Muster wiederholen sich zwar, aber manchmal überraschen mich die Ergebnisse selbst. Wenn mir die Realität zu langweilig wird, kehre ich zur Abstraktion zurück – und wenn mir die Abstraktion zu langweilig wird, suche ich wieder die Realität.

Warum nimmst du an Goldrausch teil?

Es war einfach der richtige Zeitpunkt. Seitdem ich wieder zeichne, habe ich meinen Antrieb zurück. Jetzt bin ich seit 17 Jahren in Berlin, und habe zum ersten Mal das Gefühl, dass sich die Stadt ein wenig für mich geöffnet hat. Mit meinen Zeichnungen fühle ich mich bereit, mir darin Raum zu nehmen.

Interview: Beate Scheder

Victoria Sarangova

Archaeology of Progress

Textbeitrag: Mitch Speed
Gestaltung: Katharina Landisch
16 Seiten, 15 Abbildungen

Foto: Omri Livne

Fünf Fragen an …

Saša Tatić (* 1991 in Bosnien und Herzegowina) macht die gesellschaftlichen Rollen, die sie einnimmt – Tochter, Erbin und Mitglied der Diaspora – transparent, um über umfassendere Erfahrungen von Zuhause, Zugehörigkeit und Identität nachzudenken. In ihrer multimedialen Praxis nutzt sie häufig Text als vermittelndes Element, um so vielschichtige Möglichkeiten der Identifikation zu eröffnen. Sie ist Absolventin der Bauhaus-Universität Weimar und der Academy of Arts, University of Banja Luka. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten und ihre Arbeiten wurden international ausgestellt, unter anderem in der Summerhall in Edinburgh, im Kunstmuseum Bochum und bei der WRO Media Art Biennale in Breslau.

In deiner Kunst möchtest du die Rollen, die du mit dir herumträgst, transparent machen. Welche sind das?

Das sind meine unterschiedlichen Rollen als Tochter meiner Eltern, als Schwester, als Mitglied der bosnischen Community und als Künstlerin. Sie alle sind Teile meiner Identität, die durch die Distanz zu dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin, noch stärker hervortreten.

Fehlen solche Perspektiven bislang?

In früheren Generationen lag der Fokus auf dem Krieg. Die Generation, zu der ich gehöre, beschäftigt sich vor allem mit dessen Konsequenzen. Ich erinnere mich nicht an das, was dort geschehen ist. Meine Eltern sind noch sehr darin verhaftet. Ich versuche, ihre Position zu verstehen, während ich mein Leben völlig anders weiterlebe, als sie es sich vorstellen können. Ich fühle mich verpflichtet, mich ihnen und anderen immer wieder zu erklären.

Wie thematisierst du das?

Ich nehme mich und meine Familie als Beispiel: eine durchschnittliche Familie aus der unteren Arbeiterschicht. Ich gehe meinen eigenen Weg ohne finanzielle Unterstützung der Eltern, aber mit ihrem Rückhalt. Ich stelle zur Schau, was ich selbst erlebt habe, und merke an der Resonanz, dass viele Menschen in meinem Alter, die auch ins Ausland gegangen sind, ähnlich festgefahrenen Vorstellungen davon begegnen, wie das Leben verlaufen sollte.

In welcher Form zeigst du das?

Text ist für mich die direkteste Ausdrucksform. Ich mache viele Notizen, die ich in meine Arbeiten einbaue, in Malerei, Druck – und zuletzt auch in große Fotohintergründe. Die Texte enthalten Aussagen zu Migration, poetische Reflexionen über die Beziehung zur Heimat und zu geliebten Menschen. Durch das Format, das gut in die sozialen Medien passt, wandert die Arbeit weiter und entwickelt ein Eigenleben.

Warum machst du bei Goldrausch mit?

Ich bin als Freiberuflerin oft abgelenkt, Goldrausch gibt mir Struktur. Ein weiterer Vorteil ist die Sichtbarkeit, die man in Berlin erhält. Von den Personen, die uns unterrichten, bekomme ich gute Rückmeldungen. Das schenkt mir Selbstvertrauen.

Interview: Beate Scheder

Sophia Tabatadze

Prestige Obelisk

Textbeitrag: Jan-Philipp Fruehsorge
Gestaltung: Luka Löhner
16 Seiten

Foto: Jan Hottmann
Foto: Jan Hottmann

Fünf Fragen an …

Marie Zbikowska (* 1978 in Potsdam) studierte von 2016 bis 2022 Freie Kunst an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Anschließend war sie dort Meisterschülerin bei Ricarda Roggan, Sofia Hultén und Bertram Kaschek. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Goethe-Institut in Tel Aviv, in der Villa Merkel in Esslingen, in der Staatsgalerie Stuttgart sowie bei Parrotta Contemporary Art in Köln gezeigt. Zbikowska erhielt ein Projektstipendium der Internationalen Maifestspiele des Staatstheater Wiesbaden und eines vom Kulturamt Wiesbaden. Außerdem wurde sie für den Foto-Kunstpreis der Sammlung Klein nominiert. Ihre Medien sind Fotografie, Video und Performance, ihre Materialien Wachs und Gips. In und mit diesen thematisiert sie die Ressourcen Zeit und Energie sowie die Bedingungen künstlerischer Produktivität zwischen Alltag, Fürsorge und der Arbeit im Atelier.

Fotografie ergänzt du mit Performance, Video und Skulptur. Wie kam das?

In meinem Studium in Stuttgart habe ich mich mit der Funktion von Fotografie auseinandergesetzt. Fotografie friert einen Moment ein. Um Zeit und zeitliche Abnutzung darzustellen, habe ich angefangen, mit Materialien zu arbeiten, die Spuren hinterlassen können. Eine Vorlage war dabei das Buch „lens-based sculpture“, das zu einer Ausstellung 2014 in Berlin erschien und Bezüge zwischen Fotografie und Skulptur sucht. Video und Performance werden dort als eine skulpturale Übertragung verstanden. Für mich hat sich vieles in der Installation ergeben, als Antwort der Materialien aufeinander.

Fotografie bleibt aber Ausgangspunkt?

Meist schon. Ebenso wichtig ist für mich mittlerweile die skulpturale Gussform, die Mutterform. Damit versuche ich Reproduktion darzustellen, wie ja auch Fotografie über die Abzüge reproduzierbar ist.

Zeigst du auch die Abgüsse oder nur die Mutterform?

In meiner letzten Arbeit habe ich die Abgüsse weggelassen, nur die Mutterform ist geblieben, auch als eine Anspielung auf meine persönliche Situation als Mutter. Die Frage, wie ich meine künstlerische Produktion mit meinem Alltag und meinen Kindern zusammenbringen kann, treibt mich schon länger um. Wenn ich ins Rotieren komme, bleibt wenig Raum. Das möchte ich sichtbar machen. In dieser Arbeit habe ich Zitate von Fassbinder über Frauen in ihrer Selbstfindungsphase benutzt. Ich habe sie nachgesprochen und kleine Filme daraus gemacht.

Wie wichtig ist dir Humor?

Wenn ich Wut über die Anforderungen in der Kunstwelt empfinde, wo es nur manchen gelingt zu überleben, ist Humor der einzige Weg, darauf zu antworten. Vielleicht liegt es an meinem schauspielerischen Background, dass ich oft theatralische oder komische Ideen habe.

Warum machst du bei Goldrausch mit?

Ich bin sehr froh, an die Hand genommen zu werden, was die weitere Professionalisierung betrifft. In der Kunst ist man viel allein unterwegs. Es tut gut, sich gegenseitig zu unterstützen.

Interview: Beate Scheder

Saša Tatić

Here, there, care

Textbeitrag: Hana Ćurak
Gestaltung: Jasmina Begović / Studio Itch
16 Seiten, 14 Abbildungen

Marie Zbikowska

Küchensituationen

Textbeitrag: Sarah Njiboer
Gestaltung: Daniel Hanh
16 Seiten