Kristina Kusmina Dreit (* 1988 in Kasachstan) ist eine multidisziplinär arbeitende Künstlerin und Regisseurin. In Performances, Installationen, Texten und Filmen untersucht sie, wie sich Arbeit und ökonomische Bedingungen in Körper, Sinne und Wahrnehmung einschreiben. Sie studierte an der Akademie der bildenden Künste Wien, der Zürcher Hochschule der Künste und der Universität Hildesheim. 2024 veröffentlichte sie mit ihrer Schwester das Buch Working Class Daughters. Über Klasse sprechen. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in der Berlinischen Galerie, im Lenbachhaus in München, beim Bâtard Festival in Brüssel, bei Indeks in Bandung (ID) und bei Centrale Fies in Trento (IT) gezeigt.
Wie bleiben wir mit der gesellschaftspolitischen Realität in Berührung, ohne dabei die Verbindung zu uns selbst zu verlieren? Wie können wir an dem festhalten, woran wir glauben – selbst dann, wenn sich die uns umgebenden Systeme als fragil oder feindselig erweisen?
in touch – Goldrausch 2026 präsentiert aktuelle Werke der fünfzehn in Berlin arbeitenden Goldrausch-Stipendiatinnen* 2026. Die Arbeiten setzen sich mit alltäglichen Formen der Kommunikation, des Widerstands und der Intimität auseinander, ebenso wie mit dem Wunsch nach Verbundenheit und Zugehörigkeit als einem oft unerfüllten Versprechen. Die Ausstellung versteht „Berührung“ als Ergänzung zum Sehen: als eine intime Geste, als eine grundlegende Art, Beziehungen zu knüpfen, und als ein wesentliches Element des künstlerischen Prozesses.
Die Arbeiten zeigen reale und traumartige Orte, beschäftigen sich mit Gemeinschaften, greifen Erinnerungen und persönliche Geschichten auf oder entwerfen alltägliche und imaginierte Objekte. In einer Zeit, in der künstlerische und kulturelle Infrastrukturen unter Druck stehen, setzt in touch ein Zeichen für den Erhalt und die Stärkung dieser Orte des Austauschs und der Solidarität. Tragfähige Strukturen zu schaffen, ist Kernidee des Goldrausch Künstlerinnenprojekts: Das einjährige Professionalisierungsprogramm fördert die öffentliche Anerkennung herausragender künstlerischer Positionen von Frauen / FLINTA. Seit 1989 hat das Programm mehr als 500 Künstlerinnen* begleitet und ein vielstimmiges Netzwerk geschaffen, das Verbundenheit, nachhaltige Professionalität und öffentliche Präsenz – insbesondere unterrepräsentierter Gruppen – stärkt.
Zur Ausstellung erscheinen 15 Broschüren, die einzeln sowie als Gesamtkatalog erhältlich sind. Begleitet wird die Ausstellung von einem umfangreichen Performanceund Workshop-Programm.
Programm
Freitag 11.09.
17:30-19:00 Uhr: Kuratorische Führung durch die Ausstellung mit Maj Smoszna im Dialog mit Rahel grote Lambers, Wiebke Mertens und Esther Rosenboom
19:00-19:30: Performative Intervention “Die schwebende Nase” von Suah Im
Samstag 12.09.
12:00-14:00 Uhr: Recherche-Workshop „Working from Traces: Artistic Research and Inaccessibility“ mit Daria Syvakos
14:00-16:00 Uhr: Zeichen-Workshop “Taking a Line for a Walk (in my neighborhood)” mit Alma Itzhaky
16:00-17:00 Uhr: Performative Intervention “Bodenbeobachtungen” von Marie Salcedo Horn
Sonntag 13.09.
17:00-17:30 Uhr: Performance “33L of Pain” von Ksti Hu
17:30-18:00 Uhr: Lesung “Manifesto of Post-Phlegmatism” von Miriam Schmidtke
18:00-18:30 Musik-Konzert von Jane Garbert mit Adriano Redoglia
Donnerstag 17.09.
17:00-19:00 Uhr: Performativer Spaziergang im öffentlichen Raum “rehearsing resistance” mit rezzan gümgüm
Freitag 18.09.
17:00-19:00 Uhr: Poesie-Workshop “Land of Balsam” mit Hyejeong Yun
Sonntag 20.09.
15:30-16:00 Uhr: Lecture Performance aus der Serie “The Builder’s Daughter” von Jelena Fužinato
16:30-17:00 Performance “How do I re-enter the world” von Rosh Zeeba
Ausstellungsbesuch
Laufzeit: 10.–20. September 2026 Eröffnung: Mittwoch, 9. September 2026, 18 bis 22 Uhr (öffentlich) Öffnungszeiten:
Di–So 12–18 Uhr
Fr 12–20 Uhr
Sonderöffnungszeiten Art Week 10.-13.09.: 12 – 20 Uhr
Eintritt frei
Goldrausch-Team
Projektleitung : Hannah Kruse
Lehrkoordination: Veronika Bartelt
Kursbegleitung & PR: Manon Frugier
Verwaltung & Finanzen: Antonia Zeljko, Sonja Altmeppen
Aufbau: Leopold Landrichter
Presse: Barbara Green
Gestaltung: Rimini Berlin
Team nGbK
Geschäftsführung: Sophie Goltz
Veranstaltung: Augusto Gerardi Rousset
Presse: Lutz Breitinger
Verwaltungsleitung/Finanzen: Anita Marschner & Barbara Jerusalem (Vertretung)
Mitarbeit Buchhaltung: Kerstin Karge
Publikationen: Hanna Magauer
Technisches Management: Benjamin Menzel
Stipendium Istanbul-Berlin: Özge Açıkkol
Kommunikation: Anna Schanowski
Versand und Logistik Publikationen: Hartmut Schulenburg
Produktion und Koordination: Anuschka Gooß
Besucher_innenservice station urbaner kulturen/nGbK Hellersdorf: Juan Camilo Alfonso
Jelena Fužinato (* 1984 in Jugoslawien, aufgewachsen in Bosnien und Herzegowina) studierte an der Academy of Arts in Banja Luka, der University of Arts in Belgrad und am Institut für Kunst im Kontext der UdK Berlin. Sie arbeitet mit Zeichnung und Installation und untersucht transnationale Politik, koloniale Kontinuitäten und institutionellen Ausschluss. Ihre Praxis wurzelt im Phänomen Baustelle. Fužinatos Arbeiten wurden unter anderem in der Berlinischen Galerie, im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart und in der nGbK in Berlin gezeigt. Ihre Praxis umfasst auch auf Lehre und kollektive Formate. So lehrte sie an der Hessischen Theaterakademie in Frankfurt, der Berlinischen Galerie und der Universität Potsdam. Seit 2021 ist sie Projektleiterin des Berliner Weiterbildungsprogramms KontextSchule.
Du beschreibst deine Kunst als „permanent Bauštele“. Wie meinst du das?
Der Begriff ist aus dem Deutschen abgeleitet und mit der Diaspora verbunden, zu der ich gehöre. Wir mischen Deutsch und B/K/S/M – Bosnisch, Serbisch, Kroatisch, Montenegrinisch. Zu Hause würden sie mich „Bauštelka“ nennen, weil Menschen aus meinem Land in Deutschland typischerweise auf dem Bau arbeiten. „Bauštele“ steht einerseits für diese Verbindung zweier Sprachen, die ich ständig benutze. Andererseits gehen meine Arbeiten ständig von einer Form in eine andere über, haben weder Anfang noch Ende. Ich habe den Begriff als eine Form von Methodologie übernommen und er spiegelt sich in meinem Material wider.
Was benutzt du konkret?
Einiges habe ich geerbt, zum Beispiel Rohre, die in Deutschland ausrangiert wurden, weil sie verrostet waren, und die mein Vater gekauft hat. Ich habe sie in mein Atelier gebracht, graviert und dann als Kunstobjekte ausgestellt. Manchmal leihe ich Dinge, manchmal kaufe ich sie.
Was bedeutet dir dieses Material?
Baustellenmaterial ist mir sehr vertraut. Seit den 1960ern sind Männer aus meiner Familie nach Deutschland gekommen, um auf dem Bau zu arbeiten. Ich selbst habe schon als Kind mit meinem Vater Fliesen gelegt. Die Klassenfrage spielt äußerlich wie innerlich hinein. Die Frage, wie ich es rechtfertigen kann, Künstlerin zu sein, beschäftigt mich sehr.
Du machst auch Zeichnungen und Performances, wie fügt sich das ein?
Wenn ich nicht weiß, was ich tue, zeichne ich. Und wenn ich es dann weiß, wird es zu einer Handlung, wie in der Serie „Builder’s Daughter“, in der ich ein Gerüst benutze, um durchs Fenster ins Museum zu gelangen. Auf diese Weise diskutiere ich die Zugänglichkeit von Kultur.
Warum machst du bei Goldrausch mit?
Nach mehr als zehn Jahren in Berlin weiß ich, dass das kein Zwischenstopp ist. Ich habe hier zwei Kinder bekommen, mein Mann ist hier, meine Familie, Freund:innen, mein Netzwerk. Von Goldrauch erhoffe ich mir, dass es mir hilft, weiter Wurzeln zu schlagen.
Jane Garbert (* 1988 in Berlin) studierte freie Kunst an der Universität der Künste Berlin bei Thomas Zipp und Christine Streuli. Sie interessiert sich für die Transformationsfähigkeit alltäglicher Materialien. Fotografisch und filmisch festgehaltene Beobachtungen löst sie aus ihrem funktionalen Zusammenhang und überführt sie in neue poetische Bildräume.
Garbert erhielt unter anderem den Förderpreis Junge Kunst sowie Stipendien der Dorothea-Konwiarz-Stiftung und der Stiftung Kunstfonds. Ihre Arbeiten wurden beispielsweise in der Galerie Vincenz Sala, bei feldfünf und in der Galerie Burster in Berlin sowie in der Structura Gallery in Sofia gezeigt. Im Sommersemester 2026 ist sie Lehrbeauftragte an der Technischen Universität Berlin im Fachgebiet Bildende Kunst.
Was verstehst du unter Poesie?
Poesie ist für mich stets mit einer Transformationsfähigkeit verbunden, mit Dingen, die sich als mehrdeutig erweisen. Das ist das poetische Potenzial, das ich suche: Dass Dinge zwar erscheinen, wie sie sind, in ihrer Funktionalität, aber zusätzlich noch eine Ebene aufweisen, die zärtlich, sinnlich oder narrativ ist.
Was wäre das zum Beispiel?
Ich arbeite schon seit ein paar Jahren an einer Serie zu Kabeln, die aus Decken hängen. Deren kreative Verschnörkelung ist mir schon immer aufgefallen. Im Prozess drehe ich sie um, dadurch sehen sie so aus, als ob sie wachsen würden und erhalten eine Art von Selbstständigkeit. Die Kabel-Arrangements stehen für einen Zwischenzustand, sind aber in sich schon perfekt, kleine humorvolle Gestänge, die Zuversicht ausdrücken. Die Serie heißt „Anabeki“, ein Palindrom von Ikebana. Jedes einzelne Pflänzchen ist auf Plexiglas gedruckt und in Revisionsklappen aus dem Trockenbau gefasst.
Wie wählst du solche Materialien aus?
Das ist etwas, worüber ich mir meinen Kopf zerbreche: Welches Material passt wozu? Was braucht das Bild oder die Skulptur? Ich suche nach materiellen Entsprechungen, Transparenz etwa steht für Flüchtigkeit. Andere Arbeiten drucke ich auf Stoff, um Sinnlichkeit auszudrücken. Oder es entstehen Skulpturen aus Glas, da geht es dann um Fragilität.
Wenn wir beim Beispiel der Kabel bleiben: Suchst du oder findest du sie?
Sie fallen mir einfach auf. Ich gehe nicht auf die Jagd, sondern habe einen wachen Blick. Diese Dinge werden normalerweise kaschiert oder verdeckt, bei mir stehen sie im Fokus. Inzwischen schicken mir schon Freundinnen Fotos von Kabeln oder von Absperrbändern, die ich in einer weiteren Serie male.
Warum machst du bei Goldrausch mit?
Ich hatte ein Bedürfnis nach Austausch mit anderen Künstlerinnen und den Wunsch nach einer Art von Struktur. Es gab ein paar Sollbruchstellen, etwa meine Webseite, auch ein schöner Katalog hat mir bislang gefehlt. Beides entsteht während des Goldrausch-Jahres.
Rahel grote Lambers (* 1996 in Eschwege) studierte bildende Kunst an der HFBK Hamburg bei Rajkamal Kahlon und Simon Denny (M.F.A. 2024) sowie an der Universitat de Barcelona. Ihre Praxis umfasst Malerei, Skulptur und Installation. Sie setzt sich mit politischen Ideologien, deren Narrativen und visuellen Strategien auseinander. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Kunstverein Gastgarten in Hamburg und in der VUNU Gallery Košice gezeigt. 2025 stand sie in der Kategorie Malerei für den Kunstpreis Junger Westen (Kunsthalle Recklinghausen) auf der Shortlist, 2024 wurde sie für den Bundeskunstpreis für Studierende nominiert und 2022 erhielt sie den Ursula-Schneider-Preis. Sie ist Teil des Künstler*innenkollektivs otc – Observant Thick Conversation.
Du beschäftigst dich mit politischen Ideologien, insbesondere mit dem sogenannten Rechtsruck. Wie kam es dazu?
2020/2021 sind vermehrt Heimatbilder in meinen Instagram-Feed gespült worden: Frauen in schönen Kleidern, die über Wiesen laufen oder Ähnliches. Auf den ersten Blick harmlos, aber einige davon hatten Hashtags wie #heimatliebe und führten zu Profilen, die man der Neuen Rechten zuordnen kann. In meiner künstlerischen Auseinandersetzung habe ich anfangs die Inhalte ausgedruckt und bestickt oder verpixelt. Mit der Zeit ist es malerischer geworden. Die Malerei bietet mir in der Auseinandersetzung mit Räumen eine andere Perspektive.
Du malst leere Sitzungssäle oder Besprechungsräume. Was genau?
In einer meiner Serien geht es um Räume, in denen sich konservative Thinktanks treffen – vom libertären Spektrum bis hin zu Thinktanks, die faschistische Positionen vertreten. Mich hat interessiert, wo diese Ideologien herkommen. Als Untergrund dienen mir Stoffe, die als Kontextebene fungieren, zum Beispiel benutze ich Nadelstreifenstoff oder Zopf-Strickmuster.
In der Installation kommen Objekte dazu. Welche sind das?
Das Rednerpult gehört in solchen Räumen dazu. Dessen unterschiedliche Ästhetiken fand ich sehr interessant. Einige habe ich nachgebaut, zum Beispiel die Rednerpulte der US-Thinktanks Heritage Foundation und Americans for Prosperity.
Wie viel Kontext brauchen deine Installationen?
Zugänglichkeit ist ein wichtiges Thema in meiner Arbeit. Die Betrachtenden nehmen unterschiedlich viel aus einer Installation mit. Mit einem Begleittext kann ich die Referenzen deutlicher machen, oder ich erzähle selbst etwas dazu.
Warum machst du bei Goldrausch mit?
Es gibt nicht viele vergleichbare Postgraduiertenprogramme, die Künstlerinnen gezielt dabei unterstützen, eine künstlerische Praxis langfristig organisiert und nachhaltig zu gestalten. Am wichtigsten für mich ist der Austausch mit den anderen Künstlerinnen, der kontinuierliche Dialog über ein Jahr und hoffentlich darüber hinaus.
rezzan gümgüm (* 1978 in Varto) ist Multimedia-Künstlerin und Forscherin. Sie absolvierte ihren B.A. und M.A. in Kunstpädagogik an der Gazi University und promovierte in Bildender Kunst an der Hacettepe University in Ankara. Weitere Studien führten sie an die Accademia di Belle Arti di Macerata in Italien sowie an die Complutense University of Madrid. In ihrer künstlerischen Praxis beschäftigt sich mit Fragen von Verdrängung, Identität, Erinnerung, Natur und Alltag sowie mit Narrativen außerhalb offizieller historischer und nationaler Erzählungen. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im ZKM Karlsruhe, bei Spore Initiative und in der nGbK in Berlin und bei Depo Istanbul gezeigt. 2024 erhielt sie das Istanbul-Berlin-Stipendium des Berliner Senats.
In deiner Kunst geht es viel um Unsichtbarkeit, inwiefern?
Unsichtbarkeit spielt in meiner künstlerischen Praxis eine wiederkehrende Rolle. Mich interessiert, wer sichtbar ist und wer übersehen wird. Die Arbeit „Invisible“ hat das im Kontext der Gemeinschaften untersucht, in denen wir leben. Das Thema zieht sich aber durch alle meine Arbeiten. Ich frage danach, wessen Geschichten, Erinnerungen und Wissen Anerkennung finden, und wer ungehört bleibt.
Wie entstehen deine Ideen?
Meine Projekte beginnen oft mit einem Ort, einer Begegnung oder einer persönlichen Erfahrung und weiten sich dann auf umfassendere gesellschaftliche und historische Fragestellungen aus. Kunst ermöglicht es mir, individuelle Erfahrungen mit kollektiven Erzählungen zu verknüpfen und Räume für den Dialog zu öffnen
Wie bringst du Menschen zum Sprechen?
Ich schaffe Situationen, in denen Begegnungen, gemeinsame Erlebnisse und Gespräche auf natürliche Weise entstehen können. Anstatt Menschen aufzufordern, auf ein Kunstwerk zu reagieren, lade ich sie dazu ein, Teil des Prozesses zu werden.
Zu welchen Plätzen hast du recherchiert?
Orte sind niemals bloß physische Standorte. Sie bergen Schichten aus Erfahrung, Geschichte und menschlichen Beziehungen. Mich ziehen Landschaften an, die von Wandel, Vertreibung und Abwesenheit geprägt sind, Orte, an denen Fragen zu Natur, Gewalt, Identität und Kultur aufeinandertreffen. Durch Gehen, Zuhören, Archivrecherchen und das Sammeln von Objekten untersuche ich, wie Orte die Spuren dessen bewahren, was sich ereignet hat. Ich folge Fragmenten, Überresten und alltäglichen Praktiken, um die verschiedenen Realitäten zu verstehen, die innerhalb einer Landschaft koexistieren.
Warum machst du bei Goldrausch mit? Ich lebe seit etwa zwei Jahren in Berlin. Durch Goldrausch habe ich hier ein echtes Gefühl der Zugehörigkeit gefunden. Für mich ist es mehr als nur ein Programm zur beruflichen Weiterentwicklung; es hat mir das Gefühl gegeben, ein Teil dieser Stadt zu sein.
Ksti Hu (* 1991) wuchs in Komi auf und studierte Visuelle Kommunikation und Medienkunst in Berlin und Offenbach. Frühe experimentelle Arbeiten umfassen animierte Videos für Pussy Riot und Rage Against the Machine sowie digitale Werkzeuge, die Sprache und Identität als kulturell codierte Systeme hinterfragen. Mit der Soloausstellung 20 KG of Me (2025) im saasfee*pavillon in Frankfurt am Main verlagerte sich ihr Fokus stärker auf Thermal Politics. Hus Arbeiten waren unter anderem in der Superchief Gallery NFT in New York und im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt zu sehen. Ksti Hu performte solo unter anderem auf der Conceptual Biennale in Berlin und in der L’Aléatoire Art Gallery in Paris sowie in kollaborativen Performances im Brooklyn Museum, auf dem SXSW-Festival in Austin und im OK Linz.
Womit beschäftigst du dich gerade?
Zurzeit beschäftigen mich thermale Politiken – also die Frage, wie Temperatur gesellschaftliche und politische Verhältnisse organisiert. Mich interessiert, wie Kälte und Hitze Körper regulieren sowie sichtbar oder unsichtbar machen.
Wie meinst du das?
Ich komme aus einer arktischen Region. Im Alltag erlebe ich immer wieder, dass Menschen meinem Körper aufgrund meiner Herkunft bestimmte Temperatureigenschaften zuschreiben – etwa, dass ich Kälte anders empfinde oder nicht friere. Solche Vorstellungen haben wenig mit der Realität zu tun. Sie zeigen, dass Temperaturempfinden nicht nur biologisch, sondern auch gesellschaftlich geprägt ist. Nicole Starosielski beschreibt in „Media Hot and Cold“ ein überheiztes Wohnprojekt in Chicago. Als die Bewohner ihre Wohnungen später selbst regulieren konnten, stellten viele die Heizung weiterhin sehr hoch – ihr Temperaturempfinden hatte sich an dieses thermale Regime angepasst. Genau diese Verbindung von Körper, Temperatur und Macht interessiert mich.
Wie forschst du dazu?
Ich verbinde persönliche Erfahrungen, theoretische Recherche und performative Videoversuche, in denen Authentizität zur erzwungenen Ästhetik wird.
Was für Kunst entsteht daraus?
Ich arbeite performativ und dokumentiere die Arbeiten auf Video. Sie sind inszeniert, ihr Ausgang bleibt jedoch offen. In einer Performance lege ich einen aus Eis gegossenen Abguss meines Gesichts auf mein eigenes und halte es so lange wie möglich aus. Mich interessiert eine Form von Gewalt, die zunächst kaum sichtbar ist. Die Spuren entstehen erst im Verlauf der Performance und fragen, wie das Medium Video Authentizität erzeugt und welche Formen von Gewalt sichtbar werden – oder unsichtbar bleiben.
Warum machst du bei Goldrausch mit?
Goldrausch interessiert mich, weil hier komplexe künstlerische Positionen auf eine solidarische Gemeinschaft von FLINTA*-Künstler treffen – eine Konstellation, die im Kunstbetrieb selten entsteht.
Suah Im (* 1988 in Bucheon, Südkorea) studierte Installation an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und Experimentellen Film und Medienkunst an der Universität der Künste Berlin. In ihren multimedialen Installationen ergründet sie den Ursprung des Ichs und die Vielschichtigkeit von Identität. Ihre Arbeiten wurden in Einzelausstellungen unter anderem im Kunstmuseum Stuttgart und im EIGEN+ART Lab in Berlin sowie in Gruppenausstellung wie 30. ROHKUNSTBAU und im SOMA Museum of Art in Seoul gezeigt. Sie erhielt den kunsthub-Kunstpreis, den Preis der Werner-Pokorny-Stiftung, den DAAD-Preis und Stipendien der Stiftung Kunstfonds und der Kunststiftung Baden-Württemberg. Zudem war sie Stipendiatin der Cité internationale des arts in Paris.
Deine Kunst ist voller sonderbarer Wesen. Wie entstehen diese Figuren?
Ich beschäftige mich mit der Verwandlungsfähigkeit von Identität und der Fragilität unserer Existenz. Die Figuren stehen für alternative Formen des Seins.
Wen gibt es da zum Beispiel? Ameise, Knoblauchnase oder Bärenfrau tauchen in meiner Arbeit sehr oft auf. Die Knoblauchnase kombiniert eine Knoblauchknolle mit meiner Nase – ein Spitzname, den mir mein Vater als Kind gegeben hat. Heute verknüpfe ich diese Figur mit der Vorstellung eines vollständigen Wesens: Die Nase schenkt durch Atemmeditation geistige Klarheit, während Knoblauch in Korea kulturell essenziell ist. Auch der koreanische Gründungsmythos spielt hinein, in dem ein Bär durch das Essen von Knoblauch zur ersten Frau wurde. Dabei interessiert mich besonders die Verwandlung. Schließlich entsteht daraus auch eine Verbindung zwischen der Bärenfrau und dem Berliner Wappentier.
Du hast zuerst Malerei studiert. Wie arbeitest du jetzt?
Meinen Bachelor habe ich in Korea in Malerei absolviert, dann in Stuttgart Installation studiert und war anschließend Meisterschülerin an der UdK in Experimenteller Film- und Medienkunst. Ich verfolge eine multimediale Strategie, die Installation, Performance, Video, kinetische Objekte und Zeichnung miteinander verschränkt.
Wie entscheidest du, was am besten passt? Das hängt von der spezifischen Arbeit ab, die Wahl des Mediums folgt keiner starren Form. Sie verändert sich mit den Fragen der jeweiligen Arbeit – etwa zur Symbolik der Objekte und ihren Beziehungen untereinander. Objekte, Zeichnungen und Performances beeinflussen sich gegenseitig wie ein visuelles Alphabet. Im Raum füge ich sie schließlich zu neuen, narrativen Konstellationen zusammen.
Warum machst du bei Goldrausch mit? Da die intensive Atelierarbeit oft ein isolierter Prozess ist, habe ich nach einem Austausch mit anderen Künstlerinnen gesucht – und das Programm hat mich überzeugt. Ich möchte das Jahr nutzen, um meine Arbeit noch bewusster zu reflektieren und mich langfristig in der Berliner Kunstszene zu etablieren.
Alma Itzhaky (* 1984 in Tel Aviv) schloss ihr Studium der bildenden Kunst an der Faculty of Arts des Beit Berl College in Israel ab und erwarb 2018 ihren Ph.D. in Philosophie an der Tel Aviv University. Sie nutzt Malerei und Zeichnungsinstallationen, um räumliche Erinnerungen zu dokumentieren und das Verhältnis zwischen Körper und Ort zu untersuchen. Ihre Arbeiten wurden zuletzt in der Einzelausstellung Pupae in der Dvir Gallery in Tel Aviv (2024), im Rahmen des LABA Berlin Creative Fellowship bei CLB Berlin (2023) und auf der 8th Biennale for Drawing in Israel in Jerusalem (2022) gezeigt. Sie ist Preisträgerin des Rappaport Art Price for a Young Israeli Artist (2014) und nahm an mehreren internationalen Residenzprogrammen teil.
Was gefällt dir an der Arbeit mit Papier?
Ich mag an Papier, wie unmittelbar es ist und dass es alle Spuren speichert. Wenn man so arbeitet wie ich, lässt sich nichts mehr ausradieren. Außerdem gibt mir Papier viel Freiheit in Bezug auf den Maßstab und das Arbeiten im Raum. Ich benutze sehr große Formate, zeichne auf Papier von einer großen Rolle, das ich je nach Bedarf abrollen oder falten kann.
Was zeigen deine Zeichnungen?
Für jede Arbeit entstehen zahlreiche Skizzen und Studien, doch dann arbeite ich direkt im großen Format weiter – ohne Vorzeichnung. Es geht immer um meine Erfahrungen eines bestimmten Ortes. In meinen beiden großen Werkgruppen waren es die Stadtviertel, in denen ich gelebt und gearbeitet habe. Ich interessiere mich auch für die Geschichte und Politik eines Ortes. Mein Herkunftsland ist Israel-Palästina, wo die Frage nach dem Ort besonders präsent und politisch aufgeladen ist. Mich beschäftigt außerdem die Frage, wie zweidimensionale Bilder selbst als Orte erlebt werden.
Hast du eine Antwort gefunden?
Zumindest habe ich jetzt eine Vorstellung davon, wie ich die Zeichnung als Raum aktivieren möchte. Ich suche nach Bildern, die das Gefühl vermitteln, sich durch sie hindurchzubewegen. Bei meinen großen Rollbildern geschieht das, weil man an ihnen entlanggehen muss, um das Ganze zu sehen. Bei Collagen achte ich auf verschiedene Perspektiven und Blickwinkel.
Muss dein Publikum wissen, um welche Orte es geht?
Es macht einen großen Unterschied, wo ich meine Arbeit zeige. In meinem Herkunftsland erkennen die Leute die Orte meist intuitiv. Anderswo und wenn ein gewisses Maß an Abstraktion vorliegt, ist das nicht unbedingt der Fall. Dennoch sind mir die Hintergründe wichtig.
Warum machst du bei Goldrausch mit?
Das Netzwerk ist für mich sehr wertvoll. Je länger ich als Künstlerin arbeite, desto mehr wird mir bewusst, wie anders die beruflichen Wege von Künstlerinnen noch immer sind. Umso stärker sind auch Solidarität und gegenseitige Unterstützung in diesen Räumen.
Wiebke Mertens (* 1997 in Suhl) ist figurative Malerin. Sie studierte freie Kunst an der Hochschule für Künste Bremen. Wiebke Mertens’ Malereien bilden Körperteile, Gesten sowie Sequenzen aus Interaktionen ab. Sie verhandeln den körperlichen Ausdruck, die Inszenierung von Körpern und wie diese zueinander in Beziehung stehen. 2024 wurde sie mit dem Karin Hollweg Preis und dem Paula Modersohn-Becker Nachwuchspreis ausgezeichnet. Ihre Werke wurden unter anderem im Gerhard-Marcks-Haus in Bremen, im Westwerk in Hamburg, in der Werkschauhalle der Spinnerei Leipzig und der Kunsthalle Wilhelmshaven ausgestellt. Das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen zeigt 2026 ihre erste institutionelle Einzelausstellung.
Auf deiner Malerei sind Körper oder auch Körperteile zu erkennen. Wen sehen wir da?
Die Körper, die ich male, sind Körper, die mir nahestehen. Oft ist es mein eigener Körper oder es sind die Körper von Freund:innen oder Partner:innen. Soziale Beziehungen sind sehr wichtig für meine Arbeiten. Menschen haben immer eine bestimmte Art zu gestikulieren oder Eigenheiten, die in ihre Körper eingeschrieben sind. Diese versuche ich in die Malereien zu übersetzen.
Versuchst du, menschliche Nähe darzustellen?
Nicht nur, auch die Schwierigkeiten, auch eine Härte, die mit sozialen Begegnungen einhergeht. Es ist immer ein Wechselspiel aus Nähe und Distanz, aus Annäherung oder Abweisung. Ich male nicht vom Modell, sondern von Fotovorlagen. Das bedeutet, es finden vorab immer Fotosessions statt, in denen ich mit den Personen die Haltung, die Szene und die Bekleidung bespreche, die ich mir vorstelle.
Die Posen und Ausschnitte, die du wählst, sind oft nicht sehr vorteilhaft. Ein Bild zeigt etwa einen Schweißfleck. Was willst du damit ausdrücken?
Ich versuche nicht, eine besonders unvorteilhafte Pose zu finden, sondern eine, die es eben auch gibt. Diese möchte ich der Bilderflut von sehr vorteilhaften oder gefestigten Darstellungen gegenüberstellen.
Wie entstehen deine Bildformate?
Ich finde es interessant, wenn die Motive den Bildraum bestimmen und nicht die Leinwand das Format vorgibt. Die Körperausschnitte sind auf den Bildern etwas überlebensgroß übersetzt, durch die Zweidimensionalität wirkt das im Raum so, als entspräche ihre Größe der einer anderen Person. Ich male in Öl, aber die meisten Arbeiten sind keine Leinwände, sondern Papierzuschnitte. Dadurch kann ich die Formate genau an die Körperteile anpassen.
Warum machst du bei Goldrausch mit?
Bevor das Programm begonnen hat, habe ich mir vor allem ein tolles Netzwerk erhofft. Außerdem lerne ich bei Goldrausch, wie ich mich strukturieren kann, um diesen Beruf langfristig und nachhaltig auszuüben.
Esther Rosenboom (* 1994 in Ratzeburg) zeichnet mit Bleistift auf großformatigem Papier pseudokonstruierte immaterielle Objekte, die durch präzise Hängung als Fläche im Raum existent werden. Sie studierte bildende Kunst an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und an der Universität der Künste Berlin, wo sie 2024 als Meisterschülerin von Prof. Karsten Konrad abschloss. Ihre Arbeit wurde unter anderem mit dem Bernhard-Heiliger-Stipendium (2025) und dem Dorothea-Konwiarz-Stipendium (2023/24) ausgezeichnet. Zu ihren jüngsten Ausstellungsorten zählen das Schloss Biesdorf in Berlin (2026), das Kunsthaus Dahlem in Berlin (2025), die Galerie Siedlarek in Frankfurt (2024) und die Evelyn Drewes Galerie in Hamburg (2023).
Du hast Bildhauerei studiert, zeichnest aber inzwischen. Wie kam es dazu?
Zu Beginn meines Studiums an der Burg Giebichenstein in Halle habe ich viele kleinere Skulpturen angefertigt, die sich um mich herum angesammelt haben. Ich habe das als Belastung empfunden und einige sogar weggeworfen. Schon die Skulpturen entstanden intuitiv. Dieser Intuition wollte ich mit den Zeichnungen auf den Grund gehen. Die ersten entstanden in Erinnerung an die Objekte. Irgendwann hat sich das verselbstständigt, sodass ich sie nur noch im Kopf entworfen habe. Im Gegensatz zur Skulptur können Dinge in der Zeichnung unkonkret bleiben, das gefällt mir.
Was für Objekte zeichnest du?
Ich zeichne Objekte, die nur in der Zeichnung existieren können. Es ist immer ein Objekt in der Mitte des Papiers, das sich dreidimensional nicht vollständig erschließt. Interessant finde ich den Gedanken, dass alle Objekte, mit denen wir uns umgeben, menschlicher Vorstellungskraft entspringen. Wenn man an eine Lampe denkt, kann man gleichzeitig an ihre kreisrunde Öffnung und ihre drei Schirmchen denken. In der Dreidimensionalität kann man das nicht gleichzeitig sehen. Eine Zeichnung aber kann beides darstellen.
Wie entstehen die Objekte?
Ich habe meine Prinzipien, nach denen ich zeichne. Sie sind nicht immer logisch, das ist aber gerade spannend: dass die Zeichnung etwas vermitteln kann, was im Realen nicht möglich ist. Für mich sind etwa die vordere und die hintere Fläche immer gleich groß, so entsteht ein Kippmoment.
Wie zeigst du deine Zeichnungen?
Ich arbeite auf sehr großformatigem Papier, das ich am liebsten im Raum präsentiere: frei von der Decke hängend oder zwischen Decke und Boden aufgespannt. Für jeden Raum entwickle ich neue Präsentationsformen.
Warum machst du bei Goldrausch mit?
Ich habe früh im Studium von Goldrausch gehört und wollte schon damals mitmachen. Goldrausch vermittelt viele pragmatische Dinge, die im Studium nicht vorkommen, die für die Selbstständigkeit aber sehr wertvoll sind.
Marie Salcedo Horn (* 1995) studierte bildende Kunst an der Universidad Nacional de las Artes in Buenos Aires und an der Universität der Künste Berlin, wo sie 2023 ihr Studium als Meisterschülerin von Christine Streuli abschloss. In ihrer multimedialen Arbeit untersucht sie das Verhältnis des Menschen zum Mehr-als-Menschlichen. Die Möglichkeit, ihre Arbeiten zu berühren, spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie erhielt das Eberhard Roters-Stipendium für Junge Kunst, das Bernhard-Heiliger-Förderstipendium für Bildhauerei und war Residenzstipendiatin des Ceramic Artist Exchange – Tandem Programm in Neumünster. Ihre Werke wurden unter anderem im Kunsthaus Dahlem und im Museum für Fotografie in Berlin und im Museum Moderner Kunst Wörlen Passau gezeigt.
In vielen deiner Arbeiten geht es um Steine. Wie kommt das?
Ich bin mit Steinen aufgewachsen. In meiner Familie wurden sie schon immer gesammelt. Für mich sind Steine außerdem eine Erinnerung an unser Verständnis von Zeit. Wenn man über die Zeitlichkeit von Steinen nachdenkt, nehme ich ein Verrücken wahr: Die Wahrnehmung verschiebt sich kurz und vieles, was uns im Alltag passiert, wird nichtig oder klein.
Arbeitest du mit echten Steinen?
Die Steine, die ich in den Performances benutze, stammen meist aus der Uckermark. Es sind Findlinge, die mit der letzten Eiszeit aus Skandinavien in die Region gespült wurden. Ich forme Steine aber auch ab, dafür benutze ich Keramik oder ungebrannten Ton.
Wie „benutzt“ du die Steine?
Eine wichtige Arbeit von mir ist die Performance „Trying to be a Stone“. Dafür lade ich Menschen ein, sich einen Stein auf den Körper zu legen und sich diesem körperlich anzunähern. In meiner Kunst geht es immer um eine körperliche Erfahrung – die Objekte sollen berührbar sein. Ich beschäftige mich mit Mensch-Natur-Verhältnissen. In Mitteleuropa vorherrschende Naturkonzepte sind von einem Dualismus zwischen Natur und Kultur oder Körper und Geist geprägt. Mit haptischen Erfahrungen versuche ich, diesen aufzubrechen.
Was gefällt dir an Keramik?
Sie kommt aus der Erde und reagiert auf Berührung, sie wird fast zu einem Gegenüber. Gleichzeitig finde ich es interessant, mich in einer langen künstlerischen Tradition zu befinden. Oft brenne ich den Ton nicht, sodass er wiederverwendet werden kann. Das Material speichert immer etwas. Vielleicht ist das nicht direkt sichtbar, aber ich mag die Vorstellung, dass es mit Orten oder Erfahrungen angereichert wird.
Warum machst du bei Goldrausch mit?
Ich hatte das Gefühl, noch etwas Unterstützung und Begleitung zu benötigen, um mich in der Kunstwelt zurechtzufinden. Auch dabei, eine Haltung zur Kunstwelt zu entwickeln. Es ist sehr bereichernd, viele verschiedene Menschen kennenzulernen und mitzubekommen, wie sie darüber denken.
Miriam Schmidtke (* 1991 in Berlin) ist Medienkünstlerin und Autorin. Sie studierte in der Klasse „Raumszenarien“ an der Universität der Künste Berlin sowie Bühnenbild und Bildhauerei an der Weißensee Kunsthochschule Berlin und der Musashino Art University in Tokio. In ihren installativen und performativen Arbeiten übersetzt sie aktuelle soziale, technologische und emotionale Infrastrukturen in spekulative Erzählungen. Künstlerische Beiträge und Gastspiele ihrer Texte erschienen zum Beispiel am Werk X-Petersplatz in Wien, in der Werkleitz Gesellschaft, bei Deutschlandfunk Kultur, der Ars Electronica Linz und der Luxembourg Art Week. Sie ist Mitglied im Kuratorium von „Monitoring“, der Sektion für Medienkunst des Kasseler Dokumentarfilm- und Videofests.
Du bezeichnest dich als post-phlegmatische Medienkünstlerin und Autorin. Was meinst du damit?
Post-Phlegmatismus ist ein selbsterfundener Begriff. Mit diesem spekulativen Denkmodell untersuche ich, wie sich Menschen durch eine radikale Flucht in Lethargie und Schlaf vom ständigen Zwang zu funktionieren loslösen könnten. Dazu habe ich „The Manifesto of Post-Phlegmatism“ geschrieben. Es ist der innere Monolog einer Frau in Überforderung und in Verweigerung des kapitalistischen Systems.
Nimmst du diesen Druck als Künstlerin besonders stark war?
Ich arbeite eher autoethnografisch als autobiografisch. Die Themen, die ich bespiele, sind aber natürlich meiner Realität entlehnt. Ein Aspekt aus dem Manifest ist die Frage, wie Menschen Wert zugeschrieben wird. In einer künstlerischen Karriere ist dieses Thema unglaublich virulent. Man muss immer präsent sein und gleichzeitig damit leben, auch einmal weniger Resonanz zurückzubekommen.
Wie findest du deine Themen?
Ich untersuche Arbeit nicht nur als ökonomische Tätigkeit, sondern als ein kulturelles, sich wiederholendes Skript. Meine Fragestellungen sind meist feministisch konnotiert, vieles hat mit mir selbst zu tun. Ich interessiere mich aber auch für Netzkultur, für Subkulturen und bestimmte Gruppen, die gesellschaftlich eher Frauen zugeschrieben werden und eng mit Dienstleistung und emotionaler Arbeit verbunden sind.
Welche Form nimmt deine Kunst an?
Text ist eine wichtige Komponente meiner Arbeit, aber nicht die einzige. Das Manifest habe ich etwa mit einem Sounddesign vertont und in der Installation proklamiert ein Billboard „There is nothing soft about needing more than 8 hours of sleep“. Ich gehe vom Text aus und suche eine Übersetzung in den Raum oder in eine Performance.
Warum machst du bei Goldrausch mit?
Ich hatte das Bedürfnis nach einer festen Gruppe und einem Rahmen, um mit meiner eigenen Arbeitsweise in Kontakt zu treten. Es ist toll, mit anderen Künstlerinnen in den Austausch zu gehen und einen Raum der Solidarität zu schaffen.
Daria Syvakos (* 1988 in Donetsk, UA) ist Künstlerin und Forscherin. Sie studierte Film und Neue Medien an der Universität der Künste Berlin bei Prof. Hito Steyerl und hat einen Masterabschluss in Wirtschaftswissenschaften. Ihre Praxis, in der sie untersucht, wie Infrastrukturen und Technologien Erinnerung, Sichtbarkeit und Lebensbedingungen prägen, umfasst Film, Installation und simulierte Umgebungen. Ihre Arbeiten wurden unter anderem auf der Ars Electronica in Linz, der Kyiv Biennial und der documenta 15 gezeigt. Syvakos arbeitete als Forschungsmitarbeiterin am Staatlichen Institut für Probleme der Künstlichen Intelligenz in Donezk, sie war Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und lehrt derzeit an der Universität der Künste Berlin.
Du verbindest Kunst und Forschung. Wie machst du das?
Meine Arbeit beginnt immer damit, dass ich Fragmente sammle: Archivbilder, Dokumente, technische Daten. Fast immer geht es dabei um Orte, die unzugänglich sind. Ich suche nach Belegen, analysiere und verarbeite sie auf meine Weise weiter. Ich fülle keine Lücken, sondern baue darauf ein spekulatives, anderes oder zukünftiges Narrativ.
Was könnte so ein unzugänglicher Ort sein, mit dem du dich beschäftigst?
Mich interessieren Infrastrukturen, insbesondere solche, die man als kritisch bezeichnet. Solche Infrastrukturen dienen der Ausübung von Macht und sind meistens zumindest teilweise unsichtbar. In meiner Arbeit versuche ich, Dinge, die verborgen sind, an die Oberfläche zu bringen. Aktuell arbeite ich zu geologischen Verbindungen zwischen Gewässern und Bergwerken im Zusammenhang mit kolonialer Gewalt, Extraktion und der Aneignung von Land.
Wie gehst du bei deiner Recherche vor?
Feldforschung ist meist nicht möglich, deshalb arbeite ich mit unterschiedlichen Technologien und Daten. Open-Source-Daten und Archive spielen dabei eine wichtige Rolle, ich mache aber auch eigene Berechnungen. Lücken schaffen Raum für meine Interpretationen und Vorschläge sowie für unterschiedliche Lesarten.
Welche Formen nimmt deine Kunst an?
Ich arbeite hauptsächlich mit Film, Installation und mit dem, was ich simulierte Umgebungen nenne. Damit meine ich digitale Räume, die ich modelliere, animiere und programmiere. Im Film kann ich mit verschiedenen zeitlichen Ebenen und auch auf nichtlineare Weise erzählen. Installationen und simulierte Umgebungen geben dem Ganzen eine räumliche Form, durch die man sich hindurchbewegen kann
Warum machst du bei Goldrausch mit?
Ich wollte lernen, wie ich über meine Arbeit in unterschiedlichen Formaten und für unterschiedliche Öffentlichkeiten sprechen kann, ohne dass sie an Spezifität verliert. Der Austausch in der Gruppe ist sehr hilfreich. Wir unterstützen uns gegenseitig und lernen voneinander.
Hyejeong Yun (* 1991 in Jecheon, KR) studierte an der Universität der Künste Berlin, der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und am Chelsea College of Arts in London. Ihre multidisziplinäre Praxis basiert auf Archivforschung, Mikrogeschichte und Lokalität. Sie untersucht Kontinuitäten der kolonial-imperialistischen Matrix in politischer Ideologie, Care-Praktiken, im intergenerationellen Gedächtnis diasporischer Gemeinschaften und in der Normalisierung von Gewalt. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in der Forever Gallery in Seoul, auf der Tokyo Biennale 2025, im Museum für Photographie Braunschweig, im Kunstverein Wolfsburg sowie auf Festivals wie AAIFF45 in New York, EMAF No. 35 in Osnabrück, 19th EXiS in Seoul und auf der Minikino Film Week 8 in Bali gezeigt.
Wie findest du deine Themen?
Meist beginnt meine Arbeit mit einem Gefühl, dass etwas nicht stimmt oder nicht zusammenpasst. Mein aktuelles Projekt ist eine Fortsetzung meiner Auseinandersetzung mit den Fortwirkungen des Kolonialismus in Ostasien. Ich komme aus Südkorea und habe einige Zeit in Japan verbracht und dort recherchiert. Dort leben koreanische Communities, deren Geschichte mit der japanischen Kolonialherrschaft, Migration, kolonialer Ausbeutung und Zwangsarbeit verbunden ist. Ich befrage sie zu familiären Erinnerungen und individuellen Erfahrungen.
Wie gehst du bei Recherchen vor?
Ich recherchiere vor allem vor Ort. Für meine Zweikanal-Videoinstallation „Where Water Remembers“ habe ich Interviews mit Mitgliedern koreanischer Communities in Japan geführt. Außerdem habe ich Museen und Bibliotheken besucht sowie Orte, an denen früher koreanische Dörfer existierten. Dabei habe ich darauf geachtet, alles zu sammeln – das Dokumentierte und das nur mündlich Überlieferte.
Wie wird daraus ein Kunstwerk?
Ich verfolge einen poetischen Ansatz. Dabei arbeite ich mit Metaphern – in der aktuellen Arbeit ist es Wasser, davor waren es der Elefant oder der Tiger als Bilder für Othering. Daher bezeichne ich meine Arbeiten manchmal als „Visual Poetry“. Aktuell zeige ich experimentelle Dokumentarfilme. Darin gibt es manchmal keinen linearen Handlungsstrang, sondern die Erzählung entwickelt sich entlang von Orten.
Welchen Unterschied macht es für dich, wo du ausstellst?
Wenn ich Arbeiten, die in Deutschland entstanden sind, in Asien zeige oder umgekehrt, entsteht eine interessante Dynamik, weil sich Allgemeinwissen und Bewertungen stark unterscheiden. Jede:r interpretiert auf andere Weise und stellt Verbindungen zum eigenen persönlichen oder politischen Hintergrund her.
Warum machst du bei Goldrausch mit?
Alle Künstlerinnen, die ich mag, haben bei Goldrausch mitgemacht. Viele meiner künstlerischen Mentor:innen haben mich politisch beeinflusst. Trotzdem habe ich mir gewünscht, darüber hinaus noch feministische und queere Netzwerke zu finde.
Rosh Zeeba (they/them, * in Teheran) hat angewandte Theaterwissenschaften in Gießen und zeitbezogene Medien und Film an der HFBK Hamburg studiert. Angesiedelt zwischen Film und Video, Multimedia-Objekten, Performance und künstlerischer Forschung zeichnet sich ihre* künstlerische Praxis durch die Entwicklung vielschichtiger Erzählungen aus, die queere Perspektiven auf iranische Mythologie, Erinnerungsräume und Körperbilder eröffnen. Zeeba untersucht, wie visuelle Erzählungen unsere Wahrnehmung von Identität, Repräsentation und Zugehörigkeit prägen und hinterfragt hegemoniale Bedeutungszuschreibungen und Diskurse zu kollektivem Gedächtnis und Politiken der Bildproduktion durch Irritation und poetische Unterbrechungen.
Woran arbeitest du gerade?
An einem Video-Essay: einer nichtlinearen, verdichteten Meditation über das Zurückkehren. Die Arbeit dokumentiert einen Moment, in dem die persönliche Erzählung mit der Vorahnung einer geopolitischen und persönlichen Trennung kollidiert. Ein einfacher Akt des Filmens verwandelt sich in eine zufällige Elegie über das Gefühl von Zugehörigkeit.
Was verstehst du unter einem Videoessay?
Ich mache Bewegtbild mit einem filmischen Anspruch. Dabei kann es in eine dokumentarische oder in eine poetische Richtung gehen. Meine filmischen Arbeiten können in verschieden Kontexten gezeigt werden – auf Filmfestivals, in Galerien oder anderen Ausstellungsräumen.
Was hast du im Iran gefilmt?
Ich habe ein Archiv mit vielen Aufnahmen von dort. Sie zeigen vermeintlich nebensächliche Momente, keine „aufklärende Bilder“ für Außenstehende, sondern Bilder aus meiner eigenen Perspektive.
Was möchtest du mit der Arbeit erzählen?
Ich möchte nie nur eine Sache erzählen. Vieles überlagert sich. Im Schnitt orientiere ich mich daran, wie geatmet oder der Atem angehalten wird. Inhaltlich beschäftige ich mich mit Verlust und Zugehörigkeiten, mit mythologischen Figuren aus dem kultur- oder kunstästhetischen Zusammenhang, mit dem ich aufgewachsen bin, sowie mit der Frage, wie es ist, in einem anderen kulturellen Kontext auszustellen. Ich spiele mit meinen verschiedenen Personas, mit Zuschreibungen von außen und den Figuren, die ich sein will.
Warum machst du bei Goldrausch mit?
Vor ein paar Jahren habe ich mich umgehört, was ich tun kann, um mein Netzwerk auszubauen. Dabei wurde ich mehrfach auf Goldrausch hingewiesen. Ich freue mich vor allem, dass ich die anderen Künstler*innen aus meinem Jahrgang und darüber hinaus kennengelernt habe.
Interview: Beate Scheder
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